Eine Lebende wirbelt eine Totengleiche herum. Sie stützt sie auf und lässt sie fallen, sie bettet sie in ihren Schoß und stößt sie wieder von sich. Gegen Ende des kaltatmigen Duos werden die Tänzerinnen Simone Augtherlony und Joséphine Evrard dann irgendwann aufrecht nebeneinander stehen. Mit baumelnden Armen, wie zwei stehende Tote, deren Kampf mit dem Körper des jeweils anderen zu einem Unentschieden geführt hat.Es sind Körperstudien, die sich gegen den Widerstand des Leibes stemmen, die Meg Stuart in ihrer jetzt wiederaufgenommenen, ersten abendfüllenden Arbeit aus dem Jahre 1991 versammelt hat. Fünf höchst intensive Studien, die von den Deformationen des Körpers erzählen und dessen innere Bedrängnisse in ein Vokabular verlangsamter, auf-und abgebrochener Bewegungen übersetzen. "Disfigure Study" nannte die damals noch unbekannte amerikanische Choreografin ihre kühle Forschungsarbeit. Eine Arbeit, die bereits bei ihrer Erstpräsentation viel Staub aufwirbelte und den Grundstein für die Karriere der nach Europa übersiedelten Choreografin aus New Orleans begründete. "Mit brachialer Arbeit am Körper", schrieb die Frankfurter Rundschau, habe Meg Stuart "treffsicher die Bühnen-Bewegung für eine illusionslose Zeitstimmung gefunden". "Disfigure Study" kann mittlerweile als eine der Initialzündungen für die so genannten "Körperforscher" im zeitgenössischen Tanz gewertet werden. Auf die Spuren von Stuarts Studien hefteten sich all jene, die in den Neunzigern die Bewegungskünste auf ihre Zeitgenossenschaft hin abklopften. Um so wertvoller die (leicht überarbeitete und neu besetzte) Wiederaufnahme der beinahe schon revolutionär zu nennenden Arbeit: Mit "Disfigure Study" gastierte Stuart erstaunlicherweise noch nie in Wien. Das ist deswegen auch bemerkenswert, da die Choreografin mit ihrer 1994 gegründeten Truppe Damaged Goods beinahe alle ihre Arbeiten in Wien präsentierte, mitunter sogar entwickelte. Bei ImPulsTanz und den Wiener Festwochen unter Mitintendantin Hortensia Völckers war Stuart eine Konstante. Ihr letztes hierzulande gezeigtes Projekt: "Highway 101", eine Produktion, in der die Architektur der Emballagenhallen auf sich transformierende Akteure prallte und dabei ganz unterschiedliche Perzeptionsmöglichkeiten auslotete. Stuarts Gefährte, der Theaterregisseur Stefan Pucher, schuf damals die Raumstrukturen. Der Bogen, der sich zwischen dieser Arbeit und "Disfigure Study" spannen lässt, ist weit. Und verdeutlicht die Bandbreite einer Künstlerin, die ihr Thema mit einer Vielzahl von Mitteln umkreist. Immer geht es um den Menschen im Käfig physischer Zwänge, um die Ablagerungen auf seinem Leib. Das Sezier-Besteck allerdings, dessen sich Stuart bedient, divergiert: Eng arbeitet sie mit bildenden Künstlern zusammen; neuerdings sind sie und ihre Truppe "artists in residence" am Zürcher Schauspielhaus, wo sie ihre mittlerweile letzte Produktion, das zum Berliner Theatertreffen geladene Stück Alibi, entwickelte. (Stephan Hilpold, DER STANDARD, Printausgabe vom 23.7.2002)