Eine israelische Luftattacke auf ein Haus in Gaza in der Nacht auf Dienstag, die einem führenden Hamas-Terroristen galt, bei der aber vermutlich 15 Menschen - darunter neun Kinder - getötet wurden, könnte die schwachen Keime einer Entspannung wieder begraben. Premier Ariel Sharon bedauerte zwar, dass Zivilisten zu Schaden gekommen waren, sprach aber von "einem der größten Erfolge" der israelischen Armee. "Es ist nicht möglich, mit dem Terror irgendeinen Kompromiss zu schließen", sagte Sharon.Gegen Mitternacht in der Nacht auf Dienstag hatte ein israelisches F-16-Flugzeug eine Rakete auf Salah Shehades Haus in einem Wohnviertel in Gaza abgefeuert, einige weitere Häuser im Umfeld wurden demoliert oder beschädigt. Unter den Toten waren auch Shehades Frau und drei seiner Kinder, mehr als hundert Menschen wurden verletzt. Der 49-jährige Shehade war vor rund 15 Jahren einer der Begründer der "Iseddin El-Kassam-Brigaden" gewesen, des bewaffneten Flügels der radikalen Palästinensergruppe Hamas. Nach israelischen Angaben hatte er Hunderte Anschläge organisiert, bei denen zahlreiche Israelis getötet wurden, er sei für die Produktion und Beschaffung von Raketen und anderen Kampfmitteln verantwortlich gewesen, und "nach präzisen Geheimdienstinformationen war er dabei, einen Mega-Anschlag auszuführen". Trotz wiederholter Aufforderungen sei die Palästinensische Autonomiebehörde nicht gegen Shehade vorgegangen. Schon vor einem halben Jahr, hieß es, sei die "Ausschaltung" Shehades von der Regierung prinzipiell bewilligt worden, mehrere Versuche seien angeblich fallen gelassen worden, weil seine Frau oder seine Kinder bei ihm gewesen seien. Rücktritt Dalia Rabins Der israelische Minister Shlomo Ben-Isri gab zu verstehen, dass die Armee nun vielleicht einen Fehler gemacht habe: "Die Sicherheitskräfte hatten nicht die Information, dass sich andere Leute in dem Haus befinden, nur zwei Männer, die nicht zu seiner Familie gehören - das Ziel war, ihn zu treffen und keine anderen." Vizeverteidigungsministerin Dalia Rabin, die Tochter des ermordeten Premiers, nahm den Angriff in Gaza zum Anlass, um ihren Rücktritt zu erklären. Wegen Vorbehalten gegen die Nahostpolitik der Regierung Sharon soll sie sich schon vor zwei Wochen zu diesem Schritt entschlossen haben. Rabins Abgang gilt als stiller Protest gegen ihren Mentor, Verteidigungsminister Benjamin Ben-Eliezer. Manche Beobachter schätzten, dass es dem Chef der Arbeiterpartei nun schwerer fallen würde, die Koalition mit Sharon noch lange fortzusetzen. Palästinensische Gruppen wollten im Gefolge des Angriffs zwei "Tage des Zorns" ausrufen, die Hamas drohte mit Vergeltung: "Alles wird als Ziel für unseren Widerstand in Betracht genommen werden", sagte Hamas-Funktionär Abdel-Asis Rantissi. Minister Saeb Erekat sprach von einem "Kriegsverbrechen" der Israelis. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.7.2002)