Wien - "So etwas hat es bisher noch nicht gegeben", ist sich Handelsfunktionär Erich Lemler sicher, zumindest nicht, seit er sich entsinnen kann: Der Einzelhandel in Österreich verlor im ersten Halbjahr massiv an Umsatz, nominell um 1,2 Prozent, real - also bereinigt um die Teuerungsrate - um 2,9 Prozent.Der Jammer der Kaufleute wird ausgelöst durch eine flaue Kauflust der Konsumenten. An dieser wieder schuld scheint zu einem Teil der Euro beziehungsweise die Schwäche im Umgang mit ihm zu sein - 86 Prozent der Konsumenten rechneten bei teureren Anschaffungen noch immer in die abgeschaffte Währung Schilling um, gerade bei Gütern wie Milch, Brot und Eiern hätte man sich an Werte in Euro gewöhnt, zitiert Lemler eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts market. Dabei gebe es eine Diskrepanz zwischen subjektiven Gefühlen und realen Geldflüssen: Impulskäufe gingen zurück, die Kundschaft sei generell vorsichtiger beim Geldausgeben geworden. "Die Kunden glauben, sie hätten mehr ausgegeben. Das dem nicht so ist, zeigen unsere Zahlen." Unsicherheit Doch der Euro ist nur eine Seite der Medaille: Auf der anderen stehen Unsicherheit durch mögliche Jobverluste, trudelnde Aktienmärkte, Nachrichten über Wirtschaftsbetrügereien. Im zweiten Halbjahr, so Peter Voithofer vom Institut für Gewerbe und Handelsforschung, werde insofern eine Besserung erwartet, dass die Zahl nach dem Minus kleiner werden könnte. Ansonsten: Achselzucken, wenn es darum geht, wann die Konjunktur wieder anziehen und inwiefern sich die negativen Einflüsse auflösen könnte. Gegenmaßnahmen Angesprochen auf mögliche Gegenmaßnahmen mahnt Lemler zwar Maßnahmen seitens der Regierung ein, Konkreteres lässt der Kommerzialrat - außer der in der Wirtschaftskammer obligaten Forderung nach Senkung der Lohnnebenkosten - nur wenig heraus. Angedeutet wird nur: Die Länder sollten in Sachen Raumordnung Ersatzregelungen für die an die Landeshauptleute delegierte (und so sanft entsorgte, Anm.) "Einkaufszentrenverordnung" erlassen. "Umgelegt auf die Einwohnerzahlen hat Österreich die meisten Verkaufsflächen in Europa", sekundiert der Syndikus der Sparte Handel in der Wirtschaftskammer, Hannes Mraz. Mraz sieht außerdem eine Erweiterung der in Österreich zulässigen Ladenöffnungszeiten als überschätztes Instrument an: "Die Möglichkeiten werden heute schon nicht ausgenützt." So sei es möglich - wenn dies der Landeshauptmann für den jeweiligen Ort verordnet haben sollte - schon jetzt 75 bis 80 Stunden pro Woche zu öffnen, etwa in manchen Tourismusgemeinden. Aber auch dort sei es zu Rückgängen im ersten Halbjahr gekommen. Nichtsdestotrotz übte Lemler verhalten Kritik an einer nach wie vor nicht vorhandenen Tourismusverordnung für Wien. Kein Insolvenzschub Obwohl die Umsätze im Einzelhandel das zweite Jahr in Folge rückläufig sind (2001: ein reales Minus von 0,6 Prozent), erwartet Handelsforscher Voithofer keinen Insolvenzschub. Das Gros der Betriebe seien Einzelunternehmen oder Personengesellschaften mit persönlicher Haftung der Eigentümer. Diese versuchen Pleiten mit allen Mitteln zu vermeiden und kürzen eben den Unternehmerlohn. (szem, DER STANDARD, Printausgabe 24.7.2002)