Sarajewo - Der in Kroatien angeklagte mutmaßliche Kriegsverbrecher Fikret Abdic darf überraschenderweise doch bei der bosnischen Präsidentschaftswahl im Oktober kandidieren. Das teilte die Wahlkommission unter Leitung von Parlamentspräsident Lidija Korac am Dienstag in einer Erklärung mit. Gründe für die Entscheidung wurden nicht genannt. Noch vor wenigen Wochen hatte die Kommmission verkündet, Abdic habe sich nicht freiwillig der kroatischen Justiz gestellt und könne daher laut bosnischen Recht nicht für das Präsidentenamt kandidieren. Grund für den Sinneswandel könnten neue Beweise für eine Zusammenarbeit Abdics mit der kroatischen Justiz sein. Diese hatte seine Partei, die Demokratische Volksunion (DNZ), in den vergangenen Wochen beigebracht. Hunderte Morde Abdic wird vorgeworfen, an der Ermordung von 121 Zivilisten und drei Kriegsgefangenen während des Krieges in Bosnien (1992 bis 1995) beteiligt gewesen zu sein. Zudem soll er für Verbrechen an mehr als 400 Zivilisten in der bosnischen Region Bihac verantwortlich sein. Abdic hatte sich während des Krieges an die Spitze der von ihm selbst ausgerufenen "Autonomen Region Westbosnien" gestellt und dort als Moslem auf Seiten der Serben gegen die bosnische Regierungsarmee gekämpft. Er war 1995 nach Kroatien geflüchtet. Nach einem Abkommen zwischen den Regierungen in Zagreb und Sarajewo kann Abdic, der auch einen kroatischen Pass besitzt, der Prozess gemacht werden. Seit rund einem Jahr sitzt er in kroatischer Untersuchungshaft. Bei der Präsidentschaftswahl will Abdic für den Posten des moslemischen Präsidenten kandidieren. Dieser teilt sich das Amt mit einem serbischen und einem kroatischen Kollegen. Die Wahl am 5. Oktober wird erstmals von den bosnischen Behörden selbst organisiert. Für alle bisherigen Abstimmungen seit Ende des Krieges war die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) verantwortlich. (APA)