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Wien - Der konservativen, gläubigerorientierten Bilanzierungsstandards in Österreich zum Trotz könnte die zuletzt sehr robuste Wiener Börse - sozusagen durch die Hintertür - dennoch in den Abwärtsstrudel der krisengeschüttelten Leitbörsen gezogen werden. Denn die Bilanzierungspraxis in Osteuropa orientiert sich laut Raiffeisen Centrobank (RCB)-Chefanalystin Birgit Kuras an den US-Standards. Sollten in der Region unerlaubte Manipulationen wie bei Enron oder Worldcom zu Tage treten, könnte auch der heimische Aktienmarkt von der Vertrauenskrise erfasst werden, wie Kuras am Rande eines Pressegesprächs am Dienstag. "Mir ist aber nicht bekannt, wie aggressiv die Bilanzierung in Osteuropa betrieben wird", so Kuras über das Risiko, das gewissermaßen die Kehrseite der Ostfantasie darstellt. Schließlich habe die Wiener Börse vom Thema Ostkonvergenz der EU-Beitrittskandidaten deutlich profitieren können. ATX bis Jahresende bei 1.350 Punkten Noch stärker hängt die Entwicklung des ATX laut Kuras von der Performance der kleinen Value-Werte Europas ab. "Für die ATX-Prognose des dritten Quartals ist daher die Einschätzung der Value-Aktien und der Small Caps entscheidend", beruhigt die RCB-Chefanalystin angesichts des Kursdebakels internationaler Blue Chips. Nach einem schwachen Start ins dritte Quartal soll der ATX - getragen von den Sektoren Grundstoffe, Telekom und Versorger - bis September auf 1.280 Punkte steigen. Die RCB-Prognose für Dezember 2002 liegt bei 1.350 Zählern. Wirtschaftliches Umfeld intakt Das wirtschaftliche Umfeld für die Wiener Börse ist laut Kuras intakt: Die wirtschaftliche Erholung laufe langsam an und sollte zunehmend an Fahrt gewinnen. Mit einem prognostizierten BIP-Wachstum für 2002 von einem Prozent orientiert sich Österreich zwar an den Schlusslichtern in Europa, für 2003 werden aber wieder 2,6 Prozent erwartet. Bremsende Effekte sieht Kuras in der schwachen Weltkonjunktur und dem starken Euro, der die Exportdynamik schwäche. Für die AUA und den Flughafen sollten hingegen die positiven Auswirkungen der Dollarschwäche überwiegen. "Bei den Unternehmensgewinnen gehen wir davon aus, dass die Mehrzahl ihren Gewinntiefstand schon im ersten Halbjahr gesehen hat", so Kuras weiter. Das erwartete ATX-Gewinnplus für 2002 um 80 Prozent klingt auf den ersten Blick spektakulär, bereinigt um die "Sondersituation RHI" sollten die Erträge der ATX-Titel um 28,4 Prozent über dem Vorjahr liegen. Unterm Strich sieht die RCB-Expertin den ATX im internationalen Vergleich als "fair bewertet" an. Mayr-Melnhof, Palfinger und Verbund als "Top-Empfehlungen" Als "Top-Empfehlungen für das dritte Quartal" legt die RCB den Anlegern den Kartonerzeuger Mayr-Melnhof, den Kranhersteller Palfinger und den Stromkonzern Verbund ans Herz. Mayr-Melnhof sei nach wie vor günstig bewertet, der Fair Value liege bei 90 Euro. Allerdings sieht der Kartonerzeugers technisch angeschlagen aus, die Empfehlung der RCB-Charttechniker lautet auf "Verkauf". Palfinger (Fair Value 36 Euro) weise gegenüber seiner Konkurrenten trotz höherer Ertragskraft deutliche Bewertungsabschläge auf. Verbund (Fair Value 112 Euro) sollte von der österreichischen Stromlösung profitieren, weshalb die RCB ihre Empfehlung von "übergewichten" auf "kaufen" erhöhte. (APA)