Wien - Die FPÖ ersuchte ihren Koalitionspartner ÖVP am Mittwoch per Aussendung "um Nachricht zwecks Erledigung einiger kleiner Formalismen - Auflösung des Koalitionsabkommens, Auflösung des Nationalrates, Rücktritt der Regierung". Die Aussagen von ÖVP-Wahlmanager Michael Strugl, der sich im Standard für eine Vorverlegung der Nationalratswahlen auf den Juni 2003 ausgesprochen hatte, sorgten bei der FP für Verärgerung. Aber auch in der ÖVP herrschte Irritation. Noch Dienstagabend, unmittelbar nach Erscheinen des Standard, setzte es für Strugl eine Kopfwäsche. Der öffentliche Vorstoß des VP-Wahlmanagers war mit der Parteispitze nicht abgesprochen.Gusenbauer: "Je früher, desto besser" Die offizielle Linie in der ÖVP lautet nämlich seit Wochen und Monaten, dass erst im September 2003 gewählt werde - auch wenn viele der Ansicht sind, dass man sich einen Wahlkampf über den Sommer ersparen sollte. Der Septembertermin wird vor allem von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und Klubobmann Andreas Khol hochgehalten. Umso überraschender der Vorstoß von Michael Strugl: "Es sprechen einige gute Gründe dafür, dass noch vor dem Sommer 2003 auf Bundesebene gewählt wird." Strugl ist auch Landesparteisekretär in Oberösterreich, wo Landeshauptmann Josef Pühringer eine Zusammenlegung von Nationalrats- und Landtagswahlen fürchtet. Regulärerer Termin in Oberösterreich wäre im Oktober 2003. In der SPÖ ist man längst davon überzeugt, dass nicht erst im September gewählt werden soll. Für Parteivorsitzenden Alfred Gusenbauer ist es jedenfalls "vollkommen egal", ob es zu vorgezogenen Nationalratswahlen komme. Die SPÖ sei jederzeit bereit, Verantwortung zu übernehmen, "wenn die Regierung endgültig unfähig ist, weiterzumachen". Für Gusenbauer gilt: "Je früher desto besser." Schüssel: "Das werden wir nicht tun" Bundeskanzler Schüssel winkt im Gespräch mit dem Standard ab: "Das werden wir nicht tun." Damit stehe die Koalition auch bei der Steuerreform unter Zugzwang. Denn eine Verschiebung bis nach der Wahl würde bedeuten, dass es erst im Jahr 2005 zu einer Senkung der Abgabenquote kommen würde, und "dann würden uns die Ökonomen zu Recht kritisieren". Die stellvertretende ÖVP- Vorsitzende Elisabeth Gehrer hält ebenfalls nichts von vorgezogenen Wahlen: "Diese Regierung ist für vier Jahre bestellt - gewählt wird nicht vor dem 28. September." Die Wähler würden erwarten, dass die volle Legislaturperiode gearbeitet werde. Pröll: "Vorziehung kommt nicht infrage" Der steirische VP-Landtagsklubchef Reinhold Lopatka hält die Aussage Strugls für "eine Einzelmeinung, die sich nicht durchsetzen wird". Lopatka ist auch in der Vorbereitungsgruppe der Bundespartei für den Nationalratswahlkampf. Strugls Forderung nach einer Vorverlegung sei "nur aus oberösterreichischer Sicht verstehbar". Zumal die oberösterreichische Landtagswahl und die Nationalratswahlen zeitlich eng beisammenliegen. Niederösterreichs mächtiger ÖVP-Landeshauptmann Erwin Pröll will keine Zweifel am Halten der Wahltermine, wie sie bisher festgesetzt sind, aufkommen lassen: "In der Bundespartei dominiert der Wille, die Nationalratswahlen im Herbst 2003 durchzuführen", stellt er kategorisch fest. Eine Vorziehung des bundesweiten Urnengangs auf das Frühjahr - und damit eine Annäherung an die im März 2003 geplanten niederösterreichischen Landtagswahlen - kommt "nicht infrage". (bri, ef, gan, juv, mue, völ, DER STANDARD, Printausgabe, 25.7.2002)