STANDARD: Ist der Innsbrucker Skandal ein Einzelfall oder nur die Spitze des Eisberges? Doralt: Ich hoffe, dass es ein Einzelfall ist, zumindest in dem Ausmaß. Dass es Misstände im kleineren Bereich gibt, lässt sich nicht vermeiden, aber es geht meist nicht um große Beträge. Man sollte dabei einmal nachfragen, was diese Finanzbeamten verdienen. Das sind Spitzenleute, sie tragen sehr hohe Verantwortung und haben einen Beruf, wo die Gefahr der Bestechlichkeit lauert. Wenn man ihnen ein bisschen mehr gibt, wird sich der Missbrauch nicht abgestellen. Aber für die Qualität, die man von den Leuten erwartet, sollte man etwas bei den Bezügen tun. STANDARD: Zahlen Österreichs Unternehmen im Allgemeinen jene Steuern, die das Gesetz vorschreibt? Doralt:: Ich hoffe schon, aber muss sich bewusst sein, dass das Gesetz Missbrauchsmöglichkeiten einräumt, besonders bei Umgründungen und Stiftungen. Großunternehmen - und nicht nur diese - können sich durch Steuer- und Sparmodelle ganz erhebliche Steuern ersparen. Und das Finanzministerium begünstigt selbst solche Missbrauchskonstruktionen, nicht nur durch Gesetze, sondern auch durch gesetzwidrige Vollziehung im Bereich des Umgründungssteuerrechtes. Das sollte bloß die Möglichkeit bieten, ohne steuerliche Nachteile die Rechtsform zu ändern, bietet aber weit darüber hinausgehende Gestaltungsmöglichkeiten, aber auch bedauerlicherweise gesetzwidrige Begünstigungen. Und dort fließen Milliarden. STANDARD: Warum würden Finanzbeamte denn gesetzwidrig handeln? Doralt:: Das ist ein Nischenbereich, wo sich wenige Leute auskennen. Er wird praktisch ohne politische Kontrolle von einem Ministerialbeamten verwaltet. Seine Rechtsauffassung schafft für den Fiskus Milliardenprobleme. Wenn man dann noch hört, dass er mit einem Steuerberater befreundet ist, mit dem er gemeinsame berufliche Aktivitäten entfaltet, und dieser Steuerberater auf diese Freundschaft sein Geschäft aufbaut, dann bewegen wir uns bereits in der Grauzone des korrupten Staates. Da ist Innsbruck nicht mehr weit. STANDARD: Gibt es hier genügend Kontrollen? Doralt:: In dem von mir genannten Fall schaut das Finanzministerium weg, da funktioniert das Kontrollsystem nicht. In Innsbruck hat es hingegen funktioniert. (DER STANDARD, Printausgabe 24.7.2002)