Am Freitag starb mit Alan Lomax im Alter von 87 Jahren in Florida der vor allem für die Geschichte der Popkultur neben Harry Smith bedeutendste Musikethnologe. Er leistete nichts weniger als Pionierarbeit: Seit den 30er-Jahren nahm Harvard-Absolvent und später -Professor Lomax für die US-Library of Congress auf tausenden Bändern mit einem damals noch über zweihundert Kilo schweren Aufnahmegerät heute großteils längst untergangene, archaische Volksmusiken in Irland, Italien, Spanien, Jugoslawien (und Österreich!), vor allem aber in der Karibik und im US-Süden auf. Und er legte im Zuge dieser Recherche und archivarischen Tätigkeit den dokumentarischen Grundstein für die US-Folk- und Bluesszene. Den Bluessänger Leadbelly zum Beispiel entdeckte Alan Lomax 1933 bei Aufnahmen in einem Südstaatengefängnis ebenso, wie er als erster Songs von Woody Guthrie in seiner Radiosendung spielte und für Bob Dylan zum "Spiritus rector" wurde. Dass Dylan 1966 aber dann "elektrisch" wurde, konnte und wollte ihm Purist Lomax zeitlebens nicht verzeihen. Nicht nur für einschlägig interessierte Musikliebhaber entsteht nun eine denkwürdige CD-Edition: Zur Zeit arbeitet das US-Label Rounder Records an einer hundertteiligen Werkschau der Lomax-Bänder. Zahllose Platten, von haitianischer Voodoo-Musik über Blues und Gospel von den Bahamas (John Spence!) bis zu Gitarreninnovator Reverend Gary Davis aus South Carolina wurden auch auf den Labels Folkways und bei Atlantic/ Vanguard veröffentlicht. Alan Lomax ist auch Verfasser diverser richtungsweisender afroamerikanischer Studien wie Three Thousand Years of Black Poetry aus 1970.(DER STANDARD, Printausgabe, 24.7.2002)