Gmunden - Die Festspielstadt Gmunden kann in manchem mit Salzburg konkurrieren: Was im reichen Salzburg die verkommene Scherzhauserfeldsiedlung (in Bernhards Der Keller ), das ist für Gmunden die Peripherie: Das Kalkwerk auf der anderen Seite des Sees, die eher uneleganten und in ihrer Stummheit sehr oberösterreichischen Dörfer im Umfeld: Auch Ohlsdorf gehört dazu. Was Gmunden aber von Salzburg unterscheidet: Das Verdrängte wird hier einbezogen, viele Lesungen finden in der Ohlsdorfer Residenz jenes Herrschers, in dessen Reich die Sonne nie aufging, statt, im Wohnhaus Thomas Bernhards. So gleich am Donnerstag, wenn Hermann Beil aus dem Stimmenimitator liest, musikalisch unterstützt von Claus Riedl. Kann Hermann Beil das lesen? Ganz Gmunden fiebert, wo der Stimmenimitator doch "gestern abend noch Gast der chirurgischen Gesellschaft im Palais Pallavicini gewesen ist": Diese Anekdoten, die den Zeitungsleser Bernhard als virtuosen Ironiker "vermischter Meldungen" zeigen, changieren zwischen Komik und Desaster: Kremser Feuerwehrleute, die davonlaufen, in Zell am See geprellte Ehepaare, in Steirermühl ein angeschwemmter Lodenmantel, in Reindlmühl ein unterkühlter Italiener, den die Gendarmen just im "Gasthof Schachinger" aufwärmen wollen: "Der Gerichtssaalreporter ist dem menschlichen Elend und seiner Absurdität am nächsten." So begann ja auch Bernhard. Und aus dieser frühen Zeit wird Maresa Hörbiger am 21. 8. die Prosa Die verrückte Magdalena lesen, ebenfalls im Wohnhaus. Am Tag davor, Dienstag, 20. 8., dünkt sich das Salzburger Landestheater Am Ziel : Die Mutter (Julia Gschnitzer) zerfleischt ihre Tochter (Britta Bayer) in holländischer Ferienidylle, in die ein dramatischer Schriftsteller als Beobachter der Familienhölle dazustößt: "Sie reden und gehen zugrunde/ sie sitzen herum und richten sich zugrunde." - Letzteres gilt auch für Georg Staudacher und seine Volkstheater-Inszenierung der Jagdgesellschaft , am 24. 8. im Stadttheater. Sicher richtig liegt, wer am 23. 8. Thomas Bernhards frühe Rosen der Einöde , vertont von Gerhard Lampersberg, wieder entdecken will: Ein karger, mit leichten Variationen arbeitender Text und strenge, serielle Musik. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.8.2002)