Vor einigen Wochen gellte ein jubelndes "Wir fahren, wir fahren!" durch die sonst meist leere Halle des Kaliningrader Hauptbahnhofes. Politiker hielten Reden, Journalisten fotografierten das historische Ereignis. Auf dem Gleis stand ein Sonderzug.Eine Umfrage unter Kaliningrader Jugendlichen hatte ergeben, dass 70 Prozent der unter 25-Jährigen noch nie Kaliningrad in Richtung Osten verlassen haben und daher Russland gar nicht kennen. Die von dem US-Milliardär George Soros gegründete Stiftung "Offene Gesellschaft Russland" stellte daraufhin 41.000 US-Dollar zur Verfügung. "Russlands Kinder reisen nach Russland" heißt das Programm der Stiftung und der Gebietsverwaltung Kaliningrads. 162 Schüler und Schülerinnen winkten ihren Eltern und Freunden zu. "Paka" - "Tschüss" Doch nicht nur die Kinder, auch die Erwachsenen kennen Russland kaum. Das ist kein Wunder, denn als Kaliningrad noch eine geschlossene Militärbasis war, brauchte jeder eine Sondergenehmigung, der ein- oder ausreisen wollte. Als sich 1991 der Eiserne Vorhang hob, interessierten sich die Kaliningrader vor allem für den Westen, für "Europa", wie sie damals noch sagten. Kurz nachdem der "Königsberger Express" zum ersten Mal von Berlin nach Kaliningrad gefahren war, wurde die "europäische" und damit schmalere Schienenstrecke bis zum Hauptbahnhof verlängert. Die neue Freiheit wurde und wird intensiv genutzt. Allein an der Grenze zwischen Polen und dem Gebiet Kaliningrad kam es im Jahr 2000 zu über vier Millionen Grenzübertritten. Die meisten sind so genannte "Ameisen", die mehrmals täglich die Grenze passieren, um durch Kleinhandel ihr karges Einkommen aufzubessern. Strom aus Russland Es sind aber nicht nur Kaliningrader. Der derzeit noch visafreie Reiseverkehr nach Polen und Litauen lockt auch viele Russen aus den anderen Regionen Russlands an. Über die Hälfte der knapp neun Millionen Gäste, die jährlich in die Kaliningradskaja Oblast kommen, sind Russen aus Moskau, Petersburg, Pskow und anderen Städten. Immer weniger hingegen kommen Touristen aus dem Westen in die heruntergekommene Stadt. Denn während sich Polen, Litauen, Lettland, Estland immer moderner, dynamischer und westlicher zeigen, bleibt das von Moskau abhängige Kaliningrad im sozialistischen Einheitsgrau hängen. Nichts scheint sich zu bewegen. Der Königsberger Express, der 1991 mit so viel Hoffnung begrüßt worden war, fährt schon seit knapp zwei Jahren nicht mehr. Und auch die SAS-Flugverbindung von Kopenhagen nach Kaliningrad wurde eingestellt. Danach ging auch noch die eigene Fluglinie "Kaliningrad-Avia" Konkurs. Und die mit großem Pomp eröffnete Fähre zwischen Petersburg, Kaliningrad und Hamburg befördert bis heute nur Fracht, keine Passagiere. An der Grenze Richtung Westen aber braucht man Geduld. Die Wartezeit für Pkws beträgt mehrere Stunden, manchmal sogar Tage. Für die Kaliningrader ziehen sich die Grenzen wieder zu. Denn bisher hat Moskau kaum einem EU-Land erlaubt, in Kaliningrad ein Konsulat zu eröffnen. Noch dazu haben nur 230.000 der knapp eine Million zählenden Kaliningrader einen Reisepass, in den ja das nun schon bald notwendige Visum gestempelt werden muss. Zudem hat Russlands Präsident Wladimir Putin schon gedroht, dass es für die Kaliningrader keine "billigen Schengen-Pässe" geben werde, wenn sich die EU- Grenzen nicht für alle Russen öffneten.(DER STANDARD, Printausgabe, 25.7.2002)