Wien - Gerhard sitzt vor der Peterskirche und hält eine Hand offen. Das Geschäft geht schlecht. Kirchgänger eilen vorbei und ignorieren ihn. Daher ist Gerhard froh, wenn man sich dazusetzt und mit ihm plaudert."I bin a kleiner Kriegsinvalide", berichtet er. Vielleicht, weil kürzlich in Wien der "Bettlermafia" der Krieg erklärt wurde. Verletzt hatte sich Gerhard, "beim Schlafen in der Waggonage. Auf einmal rollt der Waggon und zwei Rippen waren weg." Früher, da hatte er als Lagerarbeiter gearbeitet - bei Semperit. "Bevor s' das Werk an den Konzern verkauft haben. Jetzt sperr'n s' zu - obwohl die Gewinn machen", schüttelt Gerhard den Kopf. Ob die Leute hier vor der Kirche großzügig seien? Gerhard zieht nur eine Grimasse. Genauso, wie das seinerzeit mit "Schab den Rüssel" begonnen hatte. Das kennt er aber nicht, der Gerhard. Damals war das ebenfalls ein Bettler gewesen, der sich auf den Stufen der Peterskirche über die geizigen Reichen beschwert hatte: "Da könnte man ja den Teufel um ein Almosen bitten." Prompt war der auch erschienen - und bot einen Pakt an: Eine Raspel, die beim Rüsselschaben Goldstücke aus dem Mund kullern ließ. Die aber auch jenen, die einem Böses wollten, beim Kommando "Schab den Rüssel" über das Maul fuhr. Die Bedingung des kleinen, grün gewandeten Teuferls: Nach sieben Jahren werde er sich die Seele des Rüsselschabers holen. Der Bettler willigte ein - und war bald keiner mehr. War unglaublich reich - hatte aber stets ein wundes Goscherl. Als allerdings der Teufel kam, um den Pakt einzulösen - da sagte der Exbettler: "Schab den Rüssel!" Und die Raspel fuhr dem Teufel so lange über den Mund, bis er auf die Seele verzichtete und im Schwefelwölkchen verschwand. Gerhard sitzt und schaut. "Kennen S' die Virgil-Kapelle?", fragt er schließlich. "Dort erzählen wir den Touristen auch G'schichten. Dass der Robin Hood dort den Löwenherz g'sucht hat. Auch wenn's net stimmt - die Leut' woll'n das hören." (Roman Freihsl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.7.2002)