Bruce Springsteen und die E Street Band untersuchen auf "The Rising" die Gefühlslage der US-Gesellschaft nach dem 11. September. Über Rock, Pathos - und Trauerarbeit auf dem Highway. Richtige Männer weinen nicht. Außer beim Ausreißen der Nasenhaare und wenn beim Autofahren einmal die Windschutzscheibe kaputtgeht. Nur bei Konzerten von Bruce Springsteen sieht man dann immer ausgewachsene Mannsbilder Tränen der Rührung vergießen. Und das hemmungslos. Thunder Road , Born To Run , The River , Rosalita : Der Highway ist das Ziel - und die Sehnsucht nach Weite wird immer im Elend der Enge geboren. Nicht umsonst verhandelt einer der letzten großen Helden der Rockkultur klassischer Prägung seit Jahr und Tag die Tristesse der Kleinstädte und den Wunsch daraus auszubrechen. Das kommt vor allem bei der männlichen Landjugend im Zeitalter ihrer Motorisierung gut an. Wir wissen zwar nicht, wohin wir fahren, dafür aber sind wir schneller dort. Und wenn wir hungrig sind, kommen wir ja eh wieder nach Hause. Die Welt ist schlecht, aber: "Stay hard, stay hungry, stay alive ... if you can, I still believe in a promised land." Bleiben solche Männer, bleiben Männer nicht ganz generell, wenn schon nicht für immer jung, so im Grunde ihres Herzens für immer achtzehn? Gott sei Dank - oder: so ein Pech auch! - auf jeden Fall! Deshalb entfaltet sich der volle Reiz von guten, zeitlosen und vor allem auch in ihrer unerschütterlichen Naivität wahrhaftigen Bruce-Springsteen-Songs, und der Mann aus Freehold, New Jersey, hat davon im Laufe seiner über 25-jährigen Karriere einige geschrieben, immer erst im Auto. Der Horizont dient hier als Fluchtpunkt. Etwas Besseres als den Tod finden wir dahinter allemal. "The highway is alive tonight, where it's headed everybody knows . . .", sang The Boss 1995 auf seinem vielleicht besten und berührendsten Album, dem weitgehend solo eingespielten "The Ghost Of Tom Joad", auf dem er den Geist von John Steinbeck und Woody Guthrie beschwor und zornig gegen soziale Missstände in einer Welt ansang, die langsam vor die Hunde geht. 2002, gut zehn Monate nach dem 11. September, ist die Bedrohung von innen dem Terror von außen gewichen. Bruce Springsteen, der ewig Unbehauste, der von Zweifel, Isolation und immer wieder auch unerschütterlichem Zweckoptimismus Getriebene (wie gesagt: Born To Run!) ist heute längst wieder zu seinen Ursprüngen zurückgekehrt. Wo ihn einst die schiere Verzweiflung aus der miefigen Suburbia in die weite Welt hinausgetrieben hat und damit den Motor seiner Kunst bildete, ist Springsteen mit Frau und drei Kindern wieder in der Nachbarschaft seiner Jugendtage beheimatet und sieht die Idylle bedroht. Viele Menschen aus Freehold, New Jersey, haben im World Trade Center gearbeitet. Aus manch einer grünen Witwe ist nun eine tatsächliche geworden. Bruce Springsteen, der sich erstmals seit 1984 und dem fälschlicherweise oft als dumpfen Hurrapatriotismus ausgelegten Born In The USA wieder für ein ganzes Album mit seiner legendären E Street Band zusammengetan hat, musste und wollte darauf reagieren: Auf eine durch den Terror vor der eigenen Haustür tief verunsicherte, verängstigte und besorgte Gesellschaft, die dann wohl doch einmal zu viel auf dem Highway in die Welt hinausgefahren ist, um sie sich untertan zu machen. Heute klingt das bei Springsteen so: "Devil's on the horizon line!" Bloß nicht vor die Tür gehen! Das am 30. Juli erscheinende Album The Rising beinhaltet insgesamt 15 Songs. Außer in den obligaten, gut abgehangenen und absolut kabriotauglichen Soul- und Party-Rockern für die mit ihm gealterte Stammkundschaft wie Countin' On A Miracle oder Mary's Place setzen sich alle Kompositionen mehr oder wenig deutlich mit der Gefühlslage einer kleinbürgerlichen Gesellschaft auseinander, in der unser altes Rebellenherz mit seinen knapp 53 Jahren seine eigentliche Heimat erkennt. Dort will er nun so bleiben, wie alles ohnehin schon immer gewesen ist. Hier in dieser Spannung zwischen dem Versprechen der Freiheit im Rock 'n' Roll und einem altersgemäßen Verlangen nach bürgerlicher Abgesichertheit sind auch die interessantesten und spannendsten neuen Stücke entstanden. Unter der Produktionsregie von Brendan O'Brien, bekannt vor allem mit seinen Arbeiten für die Edelgrunger Pearl Jam oder Neil Young und Bob Dylan, ist Springsteen ein bemerkenswert unspektakuläres, akustik-gitarrenlastiges und großteils im Midtempobereich gehaltenes Album geglückt - trotz Streicherensemble, Frauenchören und der vollen Breitseite der siebenköpfigen E Street Band. Es setzt sich eben nicht nur stellvertretend mit unser aller Spießigkeit und Kleinbürgerlichkeit auseinander. Die Zurücknahme des berüchtigten Saxofon-Brülltieres Clarence Clemmons und die Eindampfung der teilweise verheerenden Glockenklang-Keyboards der E Street Band früherer Tage auf eine klassische Soul-Hammondorgel machen auch den Blick frei auf spirituelle Altersselbsterforschungen wie das mit pakistanischen Musikern eingespielte Worlds Apart : "May the living let us in, before the dead tear us apart." Nicht dass wir uns missverstehen, Songs wie You're Missing , My City Of Ruins , Into the Fire , das traumatische Suizidlied Nothing Man oder das Titelstück The Rising selbst könnten zwar jederzeit in ihrem eigenen Trauerpathos und den bei Springsteen gewohnt klischeehaften Texten ersticken: "The sky was falling and streaked with blood . . .". Da aber sei im Zweifel der gute alte jubilierende D-Dur-Akkord wie im getragenen 4/4-Takt-Kracher The Fuse davor. Wenn dann über die Bridge zum Refrain die Sonne in all ihrer strahlenden Kraft aufgeht, wie sie nur der Rock 'n' Roll zu bieten hat, dann wissen wir, alles, alles wird gut werden: "Your kiss and I'm alive!" Die Kleinstadt ist gerettet. Das muss schon die eine oder andere Männerträne wert sein. Come on, rise up! Demnächst startet Springsteen übrigens mit der E Street Band eine weitere Welttournee. Sie wird ihn im Oktober auch für sieben Konzerte nach Europa führen. Rein in die Stiefel, rauf auf die Umfahrungsstraße. Und bloß nicht die Taschentücher vergessen. Auch Rocker müssen sich ab und zu schnäuzen. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.7.2002)