Istanbul - Mehr als 30.000 Urlauber am Tag steigen an Wochenenden in der Hochsaison in der südtürkischen Urlauber-Stadt Antalya aus ihren Flugzeugen. Dann erfolgt der Transfer in Ihre Hotels und dort bleiben viele, bis sie ein paar Wochen später wieder die Heimreise antreten. Das führt bei vielen Geschäftsleuten zum Ärger, denn auch in der türkischen Urlaubsregion Nummer Eins werden die "All Inclusive"-Reisen immer mehr. Mit dem Ergebnis, dass immer weniger Touristen ihr Geld in den Basaren und Lokalen der Region lassen. Streik als Maßnahme In Alanya bei Antalya machten rund 500 Geschäftsleute vor kurzem ihrer Wut Luft. Aus Protest gegen die Zunahme der "All Inclusive"-Reisen traten sie in den Streik, schlossen ihre Läden und zogen in einem Protestzug durch die Straßen. Ihre Kollegen im weiter westlich gelegenen Manavgat klagen, dass sie ihre Versicherungsbeiträge und die Pacht für ihre Läden und Restaurants nicht mehr bezahlen können, weil keine Touristen mehr kommen. In den Hotels der Region Antalya liegt der "All Inclusive"-Anteil bereits bei 60 Prozent, in Manavgat sind es knapp 50 Prozent. Auch viele der jährlich mehr als 350.000 Türkei-Urlauber aus Österreich zieht es in die "All Inclusive"-Hotels. Nach einer Untersuchung der Mittelmeer-Universität in Antalya, die 1350 Urlauber in Antalya, Bodrum und Marmaris befragte, sehen 57 Prozent der "All Inclusive"-Besucher keinen Grund, während ihres Urlaubs das Hotelgelände zu verlassen. Schon gibt es die ersten Unterschriftenaktionen gegen das verhasste "All Inclusive"-System. Toller Saisonauftakt Dabei hatte die diesjährige Touristensaison für die Türkei verheißungsvoll begonnen. Trotz des weltweiten Rückgangs bei Urlaubsreisen seit dem 11. September verzeichnete die Türkei weiter Zuwachsraten. Durch den Wertverfall der türkischen Lira ist die Türkei für Besucher aus dem Westen noch billiger geworden. Gleichzeitig meiden viele Urlauber die Euro-Ferienländer wie Spanien, weil die Einführung der Gemeinschaftswährung dort für Preissprünge gesorgt hat. Die neue Umweltsteuer auf Mallorca tat ein Übriges. In diesem Jahr rechnet die Türkei deshalb mit der Rekordzahl von 13 Millionen Touristen. Mit mehr als zehn Milliarden Euro Einnahmen pro Jahr ist der Tourismus der wichtige Devisenbringer der Türkei. Billigtouristen Doch die Laden- und Restaurantbesitzer in Antalya und Umgebung haben kaum was davon, sie bekommen immer weniger vom großen Kuchen ab. Und dafür machen sie die "All Inclusive"-Mode verantwortlich. Zudem schade "All Inclusive" der Qualität der Unterbringung, was mittelfristig den gesamten Tourismus im Land gefährde. Kritiker warnen seit Jahren, die Türkei ziehe zu viele "Billigtouristen" an und setze zu wenig auf Qualität. Der Vorsitzender des Händlerverbandes in Antalya, Orhan Tolunay, wirft den Reiseveranstaltern sogar vor, die Urlauber wie ihr Privateigentum zu betrachten: "Ich bringe die Touristen her, also gehört auch das Geld mir", laute das Motto der Agenturen, kritisiert Tolunay. Nicht alle sehen das so Da sind zum einen die Touristen selbst. Nach der Studie der Mittelmeer-Universität sind 75 Prozent der "All Inclusive"-Urlauber zufrieden. Zum anderen sind da die Hotels, die ihre Betten mit "All Inclusive"-Urlaubern füllen. Der Chef des Hotelverbandes in Antalya, Ahmet Barut, weist die Annahme zurück, dass die Touristen dank "All Inclusive" immer weniger Geld ausgeben. Nach Angaben des staatlichen türkischen Statistikamtes leisteten sich die Urlauber in den vergangenen Jahren immer mehr Restaurant-Besuche, Kleidung, Schuhe und Souvenirs. Wenn trotzdem immer weniger in den Kassen der Kleinhändler lande, liegt das laut Barut nicht an "All Inclusive" - sondern an der rasanten Zunahme von Läden, Bars und Restaurants, die sich gegenseitig die Kundschaft wegnehmen. (APA)