Wien - "Muss man denn erst sterben, bevor soziales Engagement belohnt wird?", fragte Außenministerin Benita Ferrero-Waldner (V) anlässlich der Präsentation einer neuen Studie des IHS (Institut für Höhere Studien) am Donnerstag in Wien. Derzeit seien nämlich soziale Zuwendungen im Todesfall mit Steuervorteilen bedacht, Spenden jedoch nicht. Gemeinsam mit Sozialminister Herbert Haupt (F) und "Licht-ins-Dunkel"-Initiator Kurt Bergmann sprach sich die Außenministerin für eine steuerliche Absatzbarkeit von Spenden im Bereich Soziales und Entwicklungshilfe aus."Abgewürgtes" Engagement Die IHS-Studie hatte ergeben, dass die in Österreich geltenden Regelungen im internationalen Vergleich "überdurchschnittlich rigide" sind. Österreich und Finnland seien die einzigen EU-Staaten, in denen man Spenden für Soziales und Entwicklungszusammenarbeit nicht absetzen könne. Die aktuelle Studie habe ergeben, dass speziell jene Länder, die in den 60er und 70er Jahren auf den Staat gesetzt hätten, das Engagement von privater Seite "abgewürgt" hätten, erläuterte IHS-Chef Bernhard Felderer. Da nur ein Drittel der Spenden tatsächlich abgesetzt werde, erwartet das IHS im Falle einer Absetzbarkeit von Spenden jährliche Steuerausfälle von etwa 16 Millionen Euro bei der Entwicklungszusammenarbeit und rund 33 Millionen Euro im Bereich Soziales. Um den Steuerausfall durch den "Wohlfahrtseffekt" höherer Spenden in den nächsten fünf Jahren wettzumachen, wäre ein zusätzliches jährliches Wachstum im Privatspendenmarkt von 2,5 Prozent, im Unternehmensbereich von ca. 8,5 Prozent notwendig, errechnete das IHS. Es sei davon auszugehen, dass dieser Wert nicht nur erreicht, sondern sogar überschritten wird. Haupt stimmt mit ein Sozialminister Haupt kritisierte, es sei nicht einzusehen, dass es in Österreich "Privilegien" für Sport und Wissenschaft gebe, nicht aber für Soziales. Derzeit könne man "hunderte Pokale im Sportbereich" steuerlich absetzen, Spenden für Behinderte aber nicht. Durch steuerliche Begünstigungen könne man verstärkt auch Unternehmen "zu einer Spende motivieren". Die Österreicher seien "Spendenweltmeister" und hätten ein "goldenes Herz". Das Verhältnis zwischen individuellen Spenden und solchen durch Unternehmen belaufe sich jedoch auf zehn zu eins, sagte Haupt. Ferrero-Waldner betonte, es sei nicht verständlich, dass man im österreichischen Steuersystem "Spenden für Ameisenforschung oder Tierzahnheilkunde" absetzen könne, solche für Not leidende Menschen in Entwicklungsländern aber nicht. Eine Steuerreform müsse mehr Steuergerechtigkeit bringen und daher jene entlasten, die sich für die "ärmsten Menschen in Entwicklungsländern" einsetzten. Das gemeinsame Anliegen hinsichtlich der steuerlichen Absetzbarkeit solle in der Steuerreform 2003 auf jeden Fall berücksichtigt werden, wünschten sich beide Minister. IÖGV mit konkreten Forderungen Die Interessensvertretung Österreichischer Gemeinnütziger Vereine (IÖGV) forderte in einem "Fünf-Punkte-Spenden-Entlastungspaket" weiter reichende Begünstigungen, die sofort von der Regierung umgesetzt werden sollten. Die IÖGV verlangt unter anderem die Absetzbarkeit von Unternehms- und Privatspenden, eine steuerliche Begünstigung von Sponsorzahlungen sowie die Befreiung der Spendenorganisationen von der Werbe- und Mehrwertsteuer. "Die Steuerreform muss finanzierbar sein", reagierte Außenministerin Ferrero-Waldner auf diese Forderungen. "Ein Teil dessen, was sich der Staat erspart, weil Hilfsorganisationen tätig werden und nicht der Staat, muss in Form steuerlicher Entlastungen von Spenden an die Organisation zurückgegeben werden", verlangte die IÖGV am Donnerstag. Die Umsetzung des "Fünf-Punkte-Pakets" könne das jährliche österreichische Spendenvolumen "schlagartig signifikant" erhöhen. Hinzu käme noch der Nutzen der einzelnen Spender, "wenn endlich Schluss wäre mit der gleich mehrfachen Besteuerung der hohen Spendenbereitschaft der Österreicher durch den Finanzminister". Ferrero pfeift sich zurück "Wer fordert, soll auch erklären, wie er das finanzieren möchte", sagte Ferrero-Waldner, die die Angaben der Organisation bezüglich der Erhöhung des Spendenvolumens als "Jubelmeldungen" bezeichnete. Sie ziehe es vor, auf Basis einer seriösen Studie zu argumentieren. "Dabei müssen wir uns natürlich auch überlegen, wie wir die Kosten eines solchen Schritts bedecken können", gab Ferrero-Waldner in einer Aussendung zu bedenken. Die IÖGV übte umgehend Kritik: "Ferrero-Waldner pfeift sich selbst zurück." Was die Außenministerin am Vormittag fordere, sei nach ihren eigenen Worten zu Mittag des selben Tages nicht finanzierbar. Eine repräsentative Umfrage der IÖGV und die IHS-Studie würden bestätigen, dass durch die Absetzbarkeit von Spenden "vor allem Gut verdienende deutlich mehr spenden" würden. Dadurch würde das Spendenvolumen "schlagartig steigen", ist die IÖGV, die nach eigenen Angeben unter anderem Vereine wie die amnesty international, Greenpeace, Global 2000 oder die Österreichische Krebshilfe vertritt, überzeugt. Finanzstaatssekretär Alfred Finz (V) war nach Angaben seines Büros nicht zu einer Stellungnahme zu den Vorschlägen der Minister Haupt und Ferrero-Waldner bereit. (APA)