Wahnsinn! Nicht wie bis dato behauptet durch Zufall wurde das Bild entdeckt - sondern vielmehr gezielt gejagt, enthüllt "NEWS" diese Woche, in einer konzertierten Aktion mit der "Kronen Zeitung" nun ebenfalls auf der gnadenlosen Jagd nach dem verlorenen Rubens - und nach der Rubens-Oma, welch unwürdige Greisin auch immer sich hinter dieser von der "Krone" vorschnell enthüllten Person verbergen mag. In einer Anzeige, deren Verfasser ebenso anonym ist wie der Verfasser der Geschichte in "NEWS", aber dem publizistischen Ethos des Kleinformates nicht fern stehen kann, wird mit schweren Geschützen nicht nur gegen Sotheby's, sondern vor allem auch gegen die Verkäuferin des bethlehemitischen Kindermordes vorgegangen. Hinterziehung der Erbschafts-, Schenkungs- und Vermögenssteuer sowie Täuschung der Behörde Bundesdenkmalamt werden ihr unter anderem vorgeworfen, obwohl derzeit ernsthaft nur von einer Enttäuschung des "Krone"- Chefs die Rede sein kann. Was insofern einen denkwürdigen Wandel in der moralischen Betrachtung des Vorfalles darstellt, als all diese schaurigen Verbrechen der "Krone" vorige Woche nicht das leiseste anklagende Wörtlein wert waren, als sie ihre Leser mit der rührenden Geschichte von Anna K., der Rubens-Oma aus dem Innviertel narrte, die doch nichts anderes getan haben müsste als das, was nun der wahren Rubens-Oma vorgeworfen wird. Wohlwollend berichtete das Blatt da noch: "Was soll ich mit dem Geld? Die 77 Millionen Euro sind für meine Kinder und 23 Enkerl!" Und hätten sich für sie die 77 Millionen Euro nicht in der heißen Luft eines "Krone"-Exklusiv-Interviews in dieselbe aufgelöst - das Blatt würde vermutlich in Fortsetzungen über die Geldaufteilung an die 23 Enkerl berichten, ohne jeden Hinweis auf Steuerhinterziehung und Täuschung der Behörde Bundesdenkmalamt : Beim Verabschieden von der netten reichen Dame und ihrer Katze "Binki" sind auch wir überzeugt: "Geld ist eigentlich wirklich gar nicht so wichtig ..." , hieß es da noch. Aber das war, wie gesagt, vorige Woche, und die Wahrheit ist bekanntlich eine Oma der Zeit. Gestern musste sogar der außenpolitische Chefkommentator der "Krone" ausrücken, um unter dem Titel Kindermord Blattlinie in Sachen Rubens zu halten. Dass die lustvoll-üppige Darstellung einer tierischen Blutorgie, das barocke Gemälde vom hemmungslosen Rasen der biblischen Kindermörder in Bethlehem heutzutage einen Rekordpreis erzielt, entspricht durchaus dem Trend der Zeit . Denn solche Szenen prägen sich uns für alle Zeiten ein. Und sie haben eine gefährliche Sprengkraft, diese Ikone der Gewalt. Scharon rechtfertigt die bewusst in Kauf genommenen zivilen Opfer bei der Liquidation des Hamas-Führers mit dessen Verantwortung für so viele Terroranschläge, bei denen auch israelische Frauen und Kinder umgekommen sind. Nicht immer sind Vergleiche eine Sache ungetrübten Glücks. Mithilfe von Catos Chef-Kunstexperten ging "NEWS" der Frage nach, wie leicht große Kunst von kleinerer, Rubens von Van den Hoecke zu unterscheiden, einer Täuschung der Behörde Bundesdenkmalamt somit vorzubeugen wäre. Der stellte ein für alle Mal fest: "Jeder Kunststudent im ersten Semester hätte erkennen müssen, dass es sich hier nicht um einen Van den Hoecke handelt. Und ferner hieß es: Jeder Rubens-Liebhaber hätte durch Recherchen den Irrtum entdecken müssen - und hätte sich vermutlich auf die Spuren des Bildes geheftet. Dass im vorliegenden Fall Rubens-Liebhaber nicht recherchierten und erstsemestrige Kunststudenten nur selten als Experten herangezogen werden, schreit nach qualifiziertem Personal. Die "Krone" hätte ja einen hochkarätigen Fachmann im Hause. Aber dort wirkt Wolf Martin nur als Poet, als Experte für bildende Kunst stellt er sich lieber den blauen Ultras von "Zur Zeit" zur Verfügung, wo er neulich Klartext zu Werken nicht gerade eines Rubens, aber immerhin eines gewissen Odin Wiesinger sprach. Die Wiener Freiheitlichen haben einige davon im Bezirksmuseum Liesing ausgestellt, und wie Rubens seinen heiligen Vornamen Peter und Paul so macht auch Wiesinger dem Odin durch sein Werk alle Ehre, kurz: Wiesinger besinnt sich auf seine deutschen, ja - horribile dictu - mythisch-germanischen Wurzeln und da ist es klar, daß die angeblich gar nicht gleichgeschalteten Medien ihn totschweigen, bzw. seine Werke als "Elaborate" klassifizieren. Wolf Martin erklärt diese Differenz zu Rubens so: Wäre Odin Wiesinger Afrikaner und würde sich als solcher auf seine Wurzeln besinnen, so würde man ihn auf der Dokumenta in Kassel ausstellen . . . Als Deutscher hätte er dort nur eine Chance, wenn er Internationalist und Kosmopolit wäre. Aber leider: Odin Wiesinger ist Oberösterreicher ohne mythisch-afrikanische Wurzeln und wird daher totgeschwiegen . Cato hätte gleich den Hausdichter einer österreichischen Volkszeitung - Martin über Martin - als Experten heranziehen sollen. Der hätte den Jan van Hoecke vielleicht als Odin Wiesinger identifiziert, aber der "Krone" eine größere Blamage erspart. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.7.2002)