Es ist einer der undankbarsten Jobs der Welt, den Sergio Vieira de Mello demnächst antreten wird: In dieser Woche wurde der Brasilianer von UNO-Generalsekretär Kofi Annan ernannt, im September soll der 54-Jährige seine Arbeit als UN-Menschenrechtskom-missar aufnehmen. Der UNO-Karrierediplomat Vieira de Mello muss dann mit einem kleinen Team von Mitarbeitern und geringen finanziellen Ressourcen das Unrecht dieser Welt anprangern: Folter, eine dramatisch steigende Zahl von Hinrichtungen, die Ausbeutung von mehreren Hundert Millionen Kindern als billige Arbeitskräfte, ein schnell wachsendes Heer von Sexsklaven, den eisernen Zugriff autoritärer Regime auf ein Drittel der Menschheit, die rechtlose Situation der Opfer von dreißig bewaffneten Konflikten in der Welt. Im Rennen um den Job in Genf ließ der charmante Brasilianer prominente Konkurrenten hinter sich: den ehemaligen polnischen Außenminister Bronislaw Geremek und die Expräsidentin der Philippinen, Corazón Aquino. Warum Kofi Annan dem Doktor der Philosophie (promoviert an der Pariser Sorbonne) den Vorzug gab, lässt sich aus seiner Biografie schließen: Seit 1969 hat sich Vieira de Mello auf verschiedenen UNO-Posten bewährt, kaum ein anderer kennt das Labyrinth der Weltorganisation besser als er. Er war für die Vereinten Nationen in Bangla- desch tätig, im Sudan, auf Zypern, in Mosambik, Peru und im Libanon. Mitte der 80er-Jahre kehrte er zum Flüchtlingswerk UNHCR nach Genf zurück, um dann gleich wieder in die Welt aufzubrechen. Von 1988 bis 1990 war er als UN-Sonderbeauftragter in Kambodscha, in den 90er- Jahren kommissarisch für die UNO-Verwaltung im Kosovo eingesetzt. 1999 verließ er seinen Posten als Untergeneralsekretär für humanitäre Angelegenheiten im New Yorker UNO-Hauptquartier, um interimistisch die UNO-Mission im Kosovo zu führen. Zuletzt war Vieira de Mello UN-Verwalter für Osttimor. Der in Rio geborene Sohn eines Diplomaten ist ein eloquenter, polyglotter Kommunikator, der sich auch vor Auftritten vor der Presse nicht fürchtet. Nach seiner Ernennung in New York sagte Vieira de Mello: "Der neue Posten ist ein Minenfeld. Mein Leben ist eine Abfolge von Minenfeldern. Daher beunruhigt mich die Stelle nicht." Ein Diplomat, sagte Vieira de Mello, wisse, wo die Grenzen sind. Seine Vorgängerin Mary Robinson indes erntete heftige Kritik von Russland und China, weil sie angeblich die Grenzen überschritten hatte. Sie hatte auch die USA zu deren Ärger wegen ihres Umgangs mit den im Stützpunkt Guantánamo auf Kuba gefangenen mutmaßlichen Terroristen kritisiert. Die USA verhinderten deswegen eine zweite Amtszeit der ehemaligen irischen Präsidentin. (Jan Dirk Herbermann/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.7.2002)