Der sozialdemokratische Parteivorsitzende und Spitzenkandidat für die nächste Wahl hätte, so lästern seine innerparteilichen Kritiker, kein Charisma. Das brauche er nicht, kontert der Kritisierte und verweist auf das abschreckende Beispiel des ehe-maligen Sozialdemokraten und späteren Faschisten Benito Mussolini. Beide Positionen haben ihre Anhänger gefunden, die Diskussion krankt jedoch daran, dass keiner so richtig weiß, was Charisma ist.Das erst relativ spät ins Deutsche eingebürgerte griechische Wort bedeutet - neben Gunst oder Vergnügen - hauptsächlich eine einigermaßen messbare Qualität wie Anmut, Liebreiz oder Schönheit. Max Weber hat den Begriff in die politische Theorie eingeführt und ihn jeder "Objektivität" entkleidet: Charisma hat einer, dem seine Anhänger außeralltägliche Qualitäten zuschreiben. Der Charismatiker braucht keine einzige Qualität außer der, dass seine Anhänger glauben, er hätte solche außeralltäglicher Art. Modernes politisches Charisma ist nicht mehr als das Produkt eines Zuschreibungsprozesses, den weitgehend die Medien verwalten. In Webersche Kategorien übersetzt, fordert Zilk, dass die Wähler dem Vorsitzenden der Sozialdemokratie außeralltägliche Qualitäten zuschreibt; wenn Gusenbauer sich dagegen wehrt, dann hat er sowohl vor der Folie von Webers Überlegungen wie auch vor der der Parteigeschichte Recht. Labiler Zustand Charismatische Herrschaft ist für Weber ein eher labiler Zustand, bedroht etwa durch die "Kastrierung im Parteibetrieb", und wird im Regelfall bald durch bürokratische Herrschaftsformen abgelöst. Dafür ist die österreichische Sozialdemokratie ja ein glänzendes Beispiel: In ihrer mehr als hundertjährigen Geschichte hat sie mit Victor Adler und Bruno Kreisky die schmale Zahl von zwei charismatischen Vorsitzenden hervorgebracht. Der Rest: Bürokraten in der jeweils zeitgemäßen Version - Lehrer wie Seitz, ein Anwalt wie Schärf oder in jüngster Zeit Manager aus dem staatsnahen Bereich wie Klima oder Vranitzky. Auch Gusenbauer hat sich - etwa mit seinem zentralen persönlichen Accessoire, der Aktenmappe mit der etwas exzentrischen Farbgebung - brav an die bürokratische Tradition der Partei angepasst. Das Gusenbauer-Bashing ist also - vom Standpunkt Max Webers gesehen - eine schwere Ungerechtigkeit. Wenn man die Perspektive wechselt und die Frage im Kontext der österreichischen Innenpolitik sieht, dann ändert sich das allerdings. Das Repertoire an Rollen in der politischen Konkurrenz ist begrenzt; Jörg Haider hat es geschafft, gleich mehrere Rollen erfolgreich zu übernehmen, darunter - als die Rambo-Imitation, die sich etwas traut und der das geglaubt wird - auch die des Charismatikers. Wolfgang Schüssel hat sich nie in dieser Rolle versucht, sie läge ihm persönlich nicht und entspricht wohl auch nicht seiner an Werten orientierten Denkweise. Rollen besetzt Von Weber aus gesehen ist sein Führungsstil bürokratisch, eine mit Elementen modernen Managements versetzte Anknüpfung an die Traditionen des österreichischen Beamtentums - Korrektheit, Einsatzfreude, Kompetenz -, ergänzt durch die sinnstiftende Vermittlung einer "positiven" Denkweise. Alexander Van der Bellen, dem Moses, der die Grünen ins gelobte Land der Mitte führt, wird unterstellt, dass er Politik nach dem Muster eines Seminars führte. Auch das ist ungerecht: In der Mitte dominieren einfach die bürokratischen Verhaltensmuster und Selbstdarstellungen. Für Gusenbauer heißt das allerdings: Die Rolle, für die er sich mit der roten Aktenmappe entschieden hat, wird schon von der Konkurrenz erfolgreich gegeben. Würde der nun möglicherweise ratlose Gusenbauer Sigmund Freuds "Massenpsychologie und Ich-Analyse" konsultieren, jene Schrift aus 1921, in der sich Freud am verbindlichsten mit dem Phänomen der politischen Führung beschäftigt, würde ihm das zwei Ratschläge einbringen: Eine "künstliche Masse", so Freud, wird dadurch zusammengehalten, dass die Wähler ein "Objekt" - sprich Gusenbauer - an die Stelle ihres "Ich-Ideals" setzen, damit sie sich in ihrem kollektiven Ich - etwa als sozialdemokratische Wähler - miteinander identifizieren können. Das hat nichts mit Charisma zu tun, aber viel - umgangssprachlich formuliert - mit Bewunderung. Die zweite Freudsche Bedingung für einen erfolgreichen politischen Führer ist die, dass er die "Illusion" schafft, alle Geführten "gleichmäßig zu lieben". Fällt die Illusion von der allumfassenden Liebe des politischen Führers, dann - so der Psychoanalytiker - bricht die künstliche Masse zusammen. Daran haben sich - ob sie nun Charismatiker waren oder nicht - alle großen Diktatoren des zwanzigsten Jahrhunderts gehalten: Die Hitler, Stalin, Ceau¸sescu und Kim Il Sung jagten ihre Völker geradezu mit ihren Liebesbekundungen. In einer abgemilderten Form findet sich diese "Liebe" auch in Kreiskys brummiger Sorge um die "Leute da draußen" und in Haiders Rücksicht auf die legendäre Billa-Kassiererin. Und da wird es eng für Alfred Gusenbauer: Wenn einer, aus durchsichtigem Grund, aber ohne allzu großen Widerspruch, ein "Eiskasten" genannt werden kann, dann sind nach Freud seine Erfolgsaussichten in der Politik nicht allzu hoch. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.7.2002)