Leonard Bernstein pflegte im Morgengrauen bei Hummer in Biersoße zu komponieren. Liza Minnelli verlangte ein Einzelzimmer für ihre Pudel, und es stand sogar schon ein Pferd auf dem Gang - das gehörte Springreiter Gerd Wiltfang. Das Berliner Kempinski war von Anfang an nicht einfach ein Hotel - es war ein Symbol. 1952 eröffnet, war es die erste große Investition im zerstörten Nachkriegs-Berlin, es traf die Stimmung der nahenden Wirtschaftswunderzeit: Berlin kommt wieder, Westberlin. Kempinski in Berlin bedeutete aber auch die Rückkehr einer jüdischen Familie, die unter dem Nationalsozialismus zum Verkauf ihres Besitzes gezwungen worden war.

Schon seit den 1890er Jahren hatten Kempinskis Restaurants an der Leipziger Straße und dem Potsdamer Platz für ein ganz eigenes Berlin- Gefühl gestanden: Hier gab es keine Zirkel und keine Elite, hier speiste einfach jeder - vom einfachen Handwerker bis zum Kaiser. Ein Marketing-Trick machte "Kempi" bekannt: Wer sich die Mahlzeit nicht leisten konnte, bestellte die sprichwörtlich gewordene "halbe Portion" - und zahlte auch nur die Hälfte. Dabei sein in der Hauptstadt, das wussten die Gründer, war alles. In den wilden zwanziger Jahren setzten sie auf Erlebnisgastronomie.

Kempinski blieb am Puls der Zeit und folgte 1926 dem Trend nach Westen - ein weiteres Restaurant eröffnete am Kurfürstendamm. Schick und doch volksnah - so gefiel es Schriftsteller Heinrich Mann, Theatermann Max Reinhardt oder der Tänzerin Fritzi Massary.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Anknüpfungspunkte an glanzvolle Zeiten, die "Kempis" waren zerstört, zwei lagen im Ost-Sektor. Doch das Hotel am alten Standort Kurfürstendamm fand schnell ein neues, schlagzeilenträchtiges Image. Seine prominenten Gäste brachten die große weite Welt in eine isolierte Stadt. Die Stars der Berlinale, politische Größen wie Theodor Heuss oder Ludwig Erhard und prominente Staatsgäste von Fidel Castro bis zu Indira Gandhi - in den fünfziger Jahren war das wie ein Lebenselixier.

Nach der Wende lag das "Kempi" ein wenig im Schatten der Ereignisse, doch der geschäftsführende Direktor Manfred Nissen gibt sich siegessicher: Westberlin kommt wieder. "Viele Berlinale-Stars mögen den Potsdamer Platz nicht", sagt er. Bei einer Jahres-Auslastung des Hotels von rund 70 Prozent und vielen Stammgästen will der Chef ohnehin nicht jammern.

Die Gästebücher des "Kempi" sind ein Schatz für sich. Doch die Unterschrift von Ava Gardner verrät nicht gleich, dass sie eine mitternächtliche Leidenschaft für Erdäpfelpuffer hatte. So etwas erfährt man vom Küchenchef. Und Herbert von Karajan beschreibt der Direktor als "einen lieben, aber keinen leichten Gast" - der Dirigent wollte den Pool immer ganz für sich alleine haben. Als Telefon- Junkie ging Herzchirurg Christiaan Barnard in die "Kempi"-Annalen ein: Er pflegte sich weltweit nach dem Wohlergehen seiner Patienten zu erkundigen.

Über viele andere Gäste schweigt die Höflichkeit. Die "Rolling Stones" erhielten einmal Hausverbot, doch dass Ugandas ehemaliger Diktator Idi Amin sich Bockwürstchen mit Kaviar bestellte und die Wursthaut anschließend auf den Teppich warf, will niemand vergessen.

Mit der Berliner Familie Kempinski hat die Hotelkette, die heute exklusive Häuser in aller Welt betreibt, nichts mehr zu tun. 1954 verkaufte der Erbe das Berliner "Kempi" an eine Hotelbetriebs- Aktiengesellschaft, die den guten Namen übernahm. Das 50-jährige Jubiläum feierte das Haus mit den beliebten Hauptstadt-Superlativen: Es gab eine 800 Kilogramm schwere und fünf Meter lange Geburtstagstorte - und ganz Berlin war zum Kaffee geladen.(APA/red)