Wien - Hidir A. hat mehr als Hab und gut verloren. Die dramatische Flucht des kurdischen Aktivisten aus der Türkei in die westliche Freiheit endete am Wiener Südbahnhof fatal. Als er unter dem Eurocity "Lehar" aus seinem Versteck hervorkriechen wollte, setzte sich der Zug in Bewegung, der blinde Passagier konnte seinen rechten Arm nicht mehr rechtzeitig zurückziehen. Im Lorenz Böhler Krankenhaus blieb nur mehr die Amputation. Die Heilung der Wunde knapp unterhalb der Schulter wird noch wochenlang dauern. Der tragische Vorfall vom 5. Juni bestätigt, was in der heimischen Zentralstelle zur Bekämpfung der Schlepperkriminalität seit einigen Monaten mit Sorge beobachtet wird: Das Geschäft der Schlepper wird immer brutaler, die Methoden immer gefährlicher. Hidir A. war das Versteck unter dem Waggon von einem Schlepper in Budapest zugewiesen worden. Fast drei Stunden musste er sich an einem Druckluftbehälter festklammern. Andere Flüchtlinge werden in winzigen Hohlräumen in der WC-Verkleidung geschmuggelt oder in offenen Güterwaggons versteckt. Die Gefahr zu ersticken oder vom fahrenden Zug zu fallen, ist hoch. Letzte Schleusung

Ali Can, Obmann des kurdischen Vereines Feykom in Wien, kennt viele Horrorfluchtgeschichten. Bei ihm suchen täglich bis zu fünf Menschen, die es irgendwie nach Österreich geschafft haben, Hilfe. Viele haben nichts mehr, haben bis zu 5000 Euro für einen Flug nach Ungarn bezahlt. Wer noch Geld drauf legt, erhält eine letzte Schleusung nach Österreich. Zu Fuß, in Taxis, die von Rastplatz zu Rastplatz rasen, in Lkw oder nun verstärkt in Zügen. "In Österreich bleiben wollen die wenigsten. Erklärte Ziele sind Deutschland, Frankreich oder Großbritannien", erzählt Ali Can. Trotzdem ist Österreich immer öfter Endstation. Die scharfen Kontrollen wirkten sich im Vorjahr mit der Anhaltung von 48.700 "illegalen Grenzgängern" aus, so viel wie nie zuvor. Zu Fuß über die "grüne Grenze" ist die Festung Europa fast nicht mehr zu erobern. Fast ein Viertel aller, die im Vorjahr ohne gültige Dokumente in Österreich erwischt wurden, waren über die Schengenbinnengrenze zu Italien eingereist. 12 Prozent kamen aus Ungarn, neun Prozent aus Tschechien, 22 Prozent aus der Slowakei. Einzig Slowenien, das Musterland der EU-Beitrittsberwerber, hält die Grenzen zur Union dicht. Gemeinsame Grenz- und Hinterlandkontrollen von österreichischen und slowenischen Beamten sollen in Bälde durchgeführt werden. Im Rahmen der "Twinning"-Projekte arbeiten heimische Exekutivbeamte mit Kollegen in allen Kandidatenländern zusammen. In einem aktuellen Bericht von Europol heißt es, dass Schlepper ihre Opfer oft jahrelang ausbeuten. Immer öfter würden mittellose Flüchtlingsfrauen zur Prostitution gezwungen. Kriminelle Organisationen würden auf breiter Basis zusammenarbeiten. Drehscheibe Balkan

Auch eine neue Studie des UN-Kinderhilfswerkes Unicef und des UN-Kommissariats für Menschenrechte berichtet von einer alarmierenden Zunahme des Menschenhandels. Drehscheibe sei der Balkan. Demnach werden jährlich rund 120.000 Frauen und Kinder in die EU "verkauft", die meisten stammen aus Ost- und Südosteuropa. Der Handel mit jüngeren Kindern nehme ebenfalls dramatisch zu. In den meiste Fällen würden sie zum Betteln gezwungen. Häufig seien es Schlepper aus dem eigenen Ort, die Eltern täuschten. (DER STANDARD, Printausgabe, 27./28.7.2002)