St. Margarethen - Die Wahrheit über Otello kennt allein Opernpapst Marcel Prawy. Im charmanten Plauderton eröffnet er das Liebe, Hass- und Eifersuchtsdrama im Römersteinbruch St.Margareten mit benutzerfreundlichen Links für Jedermann: Mitleid für den Mörder Otello, der schließlich ein Opfer seiner Leidenschaften wurde, Verständnis für Verdi, der sich zeit seines Lebens aus dem Schatten Wagners zu befreien suchte. Und Bühne frei für Künstler aus aller Welt, die gegen Etikette und Elite das Genre Oper aus den Angeln sonst üblicher Aufführungspraktiken heben. Ein fragwürdiges Spektakel, das die Musik mit allen erdenklichen Effekten tilgt.

Bühnenbildner Manfred Waba lässt vor der mittelalterlichen Kulisse einer Ritterburg, die an eine Play-Mobil-Station von Lego erinnert, einen fünf Tonnen schweren Dreimaster hineinfahren. Die brauchbaren Stimmen Otellos (Sergey Nayda), die Klagen Desdemonas (Eva Batori) ersticken fortan immer wieder in einem kosmischen Flammeninferno. Überall Stichflammen, Fackeln, farbenfrohe Lichtregie und eine irisierende Lasershow, die einem die Sinne raubt, aber die Füße im Freiluftgehege wärmt.

Wozu die vielen Tanzgruppen, die aberwitzigen Bewegungen auf der Bühne, das Aufgebot an Menschenmassen? Alles Ideen des Regisseurs Robert Herzl. Der Zeitgeist dieser Verdi-Verunstaltung spricht sich so für den Missbrauch eines Stoffes aus, der in die laue Suppe kulinarischer Wunderwelten schwimmt. Die Wahrheit über Otello ist also eine traurige, auch wenn noch so viele Touristen in Bussen angerollt kommen, um das Credo ihres Intendanten Wolfgang Werner zu würdigen. Leider: das Ende der Musik und ihrer Stimmenvielfalt. (macko/DER STANDARD, Printausgabe, 27./28.7.2002)