Wien - Misshandelte und sexuell missbrauchte Kinder entwickeln als Erwachsene schwere Störungen des psychosozialen Verhaltens. Ihre Schwierigkeiten, sich sozial zu integrieren, führte die Forschung bis in den Beginn der Neunzigerjahre hinein primär auf psychische Schäden zurück, auf die Entwicklung eines inneren Abwehrmechanismus. Dieser These widerspricht nun der US-Psychiater Martin H. Teicher, außerordentlicher Professor für Psychiatrie an der Harvard Medical School und Leiter des Developmental Biopsychiatry Research Program am McLean Hospital in Belmont (Massachusetts). Nicht allein die "Software" des Hirns, auch seine "Hardware", die Organisationsstruktur des Organs selbst, sei durch die frühen Stresserlebnisse verändert. Langjährige Studien Teichers und zahlreicher anderer US-amerikanischer ForscherInnen hätten ergeben, so der Psychiater in der Juli-Ausgabe von Spektrum der Wissenschaft, dass Misshandlungen und Missbrauch im Kindesalter bleibende Funktionsstörungen mancher Partien des Gehirns zur Folge hätten. Schon Mitte der Achtzigerjahre hatten Untersuchungen an einst misshandelten PatientInnen mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen ihn zur Annahme veranlasst, ihr limbisches System könnte eine veränderte Entwicklung durchgemacht haben, vor allem dessen für die Regelung von Emotion und Gedächtnis wichtige Regionen, Hippocampus und Amygdala. Hippocampus 1997 schließlich stellte Murray B. Stein von der Universität von Kalifornien in San Diego fest, dass bei Frauen, die als Kind sexuell missbraucht worden waren, der linke Hippocampus deutlich verkleinert war. Und 2001 berichtete Martin Driessen vom Gilead-Krankenhaus in Bielefeld, dass bei erwachsenen Frauen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung und Missbrauchsvorgeschichte der Hippocampus um 16 Prozent und die Amygdala um acht Prozent kleiner sei als normal. Messungen von Teichers Kollege Fred Schiffer ergaben, dass Missbrauchsopfer, wenn sie sich an traumatische Erlebnisse erinnerten, primär ihre rechte Gehirnhälfte aktivierten, während Kontrollpersonen beide Hemisphären ungefähr gleichstark nutzten. Die verminderte Integration beider Hirnhälften wiederum führte zur Entdeckung, dass die wichtigste Verbindung der Hemisphären, der Balken, bei den missbrauchten PatientInnen deutlich kleiner war als bei der Kontrollgruppe. Insgesamt legen die Befunde laut Teicher ein Modell für die Entstehung der Borderline-Persönlichkeitsstörung nahe. Unzureichende Integration der Hirnhälften und ein verkleinerter Balken lassen die PatientInnen unvermittelt von links- zu rechtshemisphärisch dominierten Zuständen wechseln - mit höchst unterschiedlichen emotionalen Wahrnehmungen und Erinnerungen. Eine derart einseitige Hemisphärendominanz könnte einen Menschen veranlassen, FreundInnen, Familie und MitarbeiterInnen abwechselnd übertrieben positiv und überwiegend negativ zu sehen - ein typisches Kennzeichen der Störung. Freund oder Feind Körperliche, emotionale Misshandlungen, aber auch das frühe Erleben von Krieg, Hungersnot oder Seuchen könnten, laut Teicher, hormonelle Änderungen auslösen, die, ursprünglich, um es zu retten, das kindliche Gehirn dauerhaft so verdrahten, dass es mit einer böswilligen Welt fertig zu werden vermag. Auf diese Weise, so sein gesellschaftspessimistischer Schluss, pflanzen sich Gewalt und Missbrauch von einer Generation zur nächsten und von einer Gesellschaft zur anderen fort - weshalb die Gesellschaft aufgerufen sei, den Wurzeln von Gewalt noch viel entschiedener als bisher entgegenzutreten. Optimistischer - wenn auch nicht hinsichtlich der gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen, so doch in Bezug auf die Folgen für die Opfer der Gewalt - bewerten die deutschen Forscher Ernst Pfeiffer, von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsyhiatrie in Berlin, und Martin Driessen die Situation. Sie weisen ausdrücklich auf die Behandelbarkeit zumindest der Symptome solcher bleibender Schäden im Gehirn hin, etwa durch eine traumaspezifische Verhaltenstherapie oder eine langfristige heilpädagogische Betreuung des Patienten. (Cornelia Niedermeier - DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 27./28.7.2002)