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Dorothea S. Baltenstein
"Vier Tage währt die Nacht"
EURO 20,50/ 528 Seiten
Eichborn, Frankfurt a. Main 2002

Foto: Archiv
Der gute alte Schauerroman feiert Auferstehung: Ein Mann namens Michael Schmid, sagt der Verlag, ist durch Erbschaft in den Besitz eines Manuskripts gekommen, das eine "um 1890 in Schlesien in der Nähe von Kattowitz" geborene Dame verfasst haben soll. Diese Dorothea Baltenstein ist dreißigjährig "durch irrtümlichen oder absichtlichen Tablettenkonsum" gestorben. Was an sich schon für eine Schauergeschichte gut wäre, ist bloß der reale (?) biografische Hintergrund für eine Gothic Novel nach allen Regeln der Kunst. Baltensteins Szenerie ist klassisch, der Plot auch. Im Winter des Jahres 1817 lädt ein Dichter Kollegen zum gemeinsamen friedlichen Wettstreit auf sein einsames Schloss in Schottland ein. Dem guten Mortimer schwebt dabei so etwas wie eine Parallelveranstaltung zur Sommerfrische Lord Byrons am Genfer See vor. Bekanntlich hatte sich dort eine illustre Gesellschaft versammelt und sich die Zeit mit dem Schreiben von Gespenstergeschichten vertrieben. Höchst folgenreich, denn Byron, beziehungsweise sein Sekretär, machte damals die Vampirlegende salon- und literaturfähig und Mary Shelley erschuf Frankenstein und sein Monster. Warum sollte das nicht auch in einem schottischen Schloss gelingen? Die Autorin ging in ihrem dicken Wälzer ziemlich demokratisch vor. Ihre Figuren bieten einen Querschnitt durch die bessere Gesellschaft: Ein französischer Adeliger, ein Geistlicher, zwei sehr interessante Damen, eine davon mit einem Alkoholiker verheiratet, ein Gelehrter, ein junger Draufgänger, der Icherzähler und als eine der zentralen Figuren ein Mr. Goldsmith. Dem machen anfangs antisemitische Vorurteile zu schaffen; er entpuppt sich jedoch als kluger, sensibler und rational denkender Kopf, der den Rest der Gäste vor dem Untergang bewahrt. Denn die geladenen Dichter werden alsbald sehr fantasievoll reduziert und wie immer in solchen Fällen beginnt jeder jedem zu misstrauen. Baltenstein lässt sich viel Zeit: ziselierte Beschreibung der exklusiven Tischdekoration, der eigenwilligen Architektur des Schlosses, die an Piranesi erinnert, die Gefühlsausbrüche der herzzereißend weinenden Männer, diverse Hysterieanfälle und nicht zu knappes Pathos - dafür konnte man vor den tempobeschleunigten Zeiten von Internet und Handy schon viele Dutzend Seiten in Anspruch nehmen. Die Atmosphäre, die die tragisch-geheimnisumwitterte Autorin erzeugt, ist durchaus stimmig. Sie arbeitete zwar mit bewährten Schablonen des Genres, ist aber im Detail sehr erfinderisch und schafft es bis zum Schluss, die Spannung aufrechtzuerhalten. Und die beschränkt sich nicht nur auf die Suche nach dem Täter. Aufklärung gegen Frömmelei, die Rückbesinnung auf die Wurzeln, die in einer Hommage an die Brüder Grimm zum Ausdruck kommt, Fragen der Kreativität und des Plagiats, das Verhältnis von Poesie und Verbrechen, all das wird zwischen den einzelnen "Unglücksfällen" abgehandelt. Als Urlaubslektüre für Retrofans ist der schwarze Roman unbedingt zu empfehlen. (ALBUM, DER STANDARD, Printausgabe, 27./28.7.2002)