Wien - Dem Vorschlag seines Parteivorsitzenden Alfred Gusenbauer, mit einem mehrheitsorientierten Wahlrecht den Bürgern mehr Mitsprache bei Regierungsbildungen einzuräumen, kann Nationalratspräsident Heinz Fischer nichts abgewinnen. Im Gespräch mit der APA betont der stellvertretende SPÖ-Parteichef, dass er das - in Österreich geltenden - Verhältniswahlrecht favorisiere. Fischer wörtlich: "Es gibt kein Nachdenkverbot über solche verfassungspolitischen Fragen. Auf der anderen Seite weiß jeder - und ich habe keinen Grund, das jetzt anders darzustellen -, dass ich bei der Abwägung der Vorteile des Mehrheitswahlrechts und der Vorteile des Verhältniswahlrechts immer die größeren Vorteile beim Verhältniswahlrecht und dem damit zusammenhängenden Prinzip der Wahlgerechtigkeit gesehen habe." Auch an einer aktive Rolle in der breiten Diskussion, die Gusenbauer über seinen Vorschlag innerhalb der eigenen Partei und darüber hinaus initiieren möchte, dürfte Fischer nicht sehr interessiert sein: "Ich weiß nicht, ob ich mich sehr engagieren werde." "Bündnisse über Parteigrenzen hinweg" Fischer betont, dass Gusenbauer in seinem Papier über den wachsenden Rechtspopulismus in Europa zu der Schlussfolgerung gekommen sei, dass in Ländern mit Mehrheitswahlrecht - wie in den USA oder in Großbritannien - rechtspopulistische Bewegungen wenig oder gar keine Rolle spielten. "Diese Beobachtung ist richtig, aber das ist nicht gleichzusetzen mit der Annahme, dass die nächste Nationalratswahl in Österreich nach einem Mehrheitswahlrecht erfolgen könnte", so der Nationalratspräsident. Der SPÖ-Politiker spricht sich im APA-Gespräch dafür aus, in Österreich "Bündnisse über Parteigrenzen hinweg zwischen politisch engagierten Bürgern zu bilden, die für humanistische und auf Solidarität aufbauende Werte eintreten. Wenn wir das ernsthaft verfolgen, wird weder ein Linksextremismus noch ein Rechtspopulismus ernsthafte Chancen haben." Auch sollte der "rot-weiß-rote Weg der letzten 30 oder 40 Jahre nicht wahrheitswidrig schlecht gemacht werden". Eine "Kindesweglegung" in diesem Zusammenhang sei "schädlich und unfair", so Fischer. "Lagerwahlkampf wird nicht zu vermeiden sein" Bei der im kommenden Jahr stattfinden Nationalratswahl wird nach Ansicht von Nationalratspräsident Fischer ein "Lagerwahlkampf" nicht zu vermeiden sein. "Ich glaube, es wird sich zwar niemand zu einem Lagerwahlkampf bekennen und es wird jede Partei für sich werben." Aber an der Frage, ob "Blau-Schwarz" nach den Wahlen wieder über mehr als die Hälfte der Mandate verfügt, "werden wir nicht vorbeikommen", so Fischer im APA-Interview. Ob die derzeitige Koalition aus ÖVP und FPÖ weiterhin über eine Mehrheit verfügt und "daher eine Fortsetzung dieses Kurses und der damit verbundenen Belastungen und Problemen möglich ist, ist eine wichtige Frage, die im Wahlkampf zu entscheiden ist und die wahrscheinlich jeden Bürger bei seiner Wahlentscheidung beeinflussen wird", betont der stellvertretende SPÖ-Chef. (APA)