Madrid - 63 Jahre nach dem Spanischen Bürgerkrieg von 1936 - 39 kommt die beklemmende Wahrheit ans Licht. Freiwillige suchen nun in den alten Massengräbern nach den Toten des Krieges, kratzen an längst vernarbt geglaubten Wunden. Zu Tausenden waren die Opfer der Massenerschießungen zwischen 1936 und 1939 überall in Spanien verscharrt worden. Doch aus Angst schwiegen die meisten Zeugen der Erschießungen bis heute. Auch das kleine Dorf Piedrafita de Babia im Nordwesten des Landes hat eine dunkle Vergangenheit. Nur die ältesten Bewohner erinnern sich noch an die Nacht, als 37 republikanische Soldaten von den Truppen General Francos ermordet wurden. Die Männer hatten sich bereits ergeben, denn ihnen war Straffreiheit versprochen worden. In der Nacht wurden sie schließlich in die Berge geführt, erschossen und anschließend in ein Massengrab geworfen. Mehr als 60 Jahre lang haben die Zeugen geschwiegen, weil sie Repressalien fürchteten oder weil die Beschäftigung mit der Vergangenheit zu schmerzhaft war. Emilio Silva, Vorsitzender des "Verbandes zur Aufarbeitung des historischen Erbes", will die Vergangenheit nicht auf sich beruhen lassen, er möchte "das Schweigen brechen, auch wenn es wehtut". Bis zu 30.000 Vermisste vermutet Silva noch in Massengräbern im ganzen Land. Schon seit zwei Jahren fordert er darum die Öffnung der alten Gräber. Auch sein Großvater galt lange Zeit als vermisst, bis es Silva im vergangenen Jahr gelang, ihn in einem der vielen Gräber zu identifizieren. Seit Anfang Juli gräbt der Verband auch in Piedrafita zusammen mit vielen freiwilligen Helfern aus der ganzen Welt. Experten werden anschließend versuchen, die Toten mit Hilfe gentechnischer Verfahren zu identifizieren. Danach sollen sie in ihren Heimatdörfern in Würde beigesetzt werden. Tausende Euro gibt der spanische Staat für jeden identifizierten Toten aus. Doch die Erbgut-Analyse ist mühsam und kostet Geld. Darum werden wohl in absehbarer Zeit nicht alle Familien Gewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen bekommen können. José Antonio Lorente ist Leiter des Labors, das die Leichen untersucht: "Für uns ist das nicht Politik, sondern einfach nur eine Frage der historischen Gerechtigkeit." Auch die Angehörigen der Opfer melden sich zu Wort. Die 84 Jahre alte Isabel Gonzalez ist Schwester eines Vermissten. In der spanischen Tageszeitung "El País" sagte sie: "Denjenigen, die mich fragen, warum ich die Vergangenheit nicht lieber ruhen lasse, antworte ich: Wollt ihr nicht auch, dass eure Toten auf einem Friedhof ruhen und nicht in einem Massengrab?" (APA)