Orchestrale Tiefenschärfe, lyrischer Spitzengesang und eine intelligent-subjektive Regie von Martin Kusej: Dem neuen Chef der Festspiele, Peter Ruzicka, ist auf Anhieb jener "Don Giovanni" gelungen, den Vorgänger Gerard Mortier wohl gerne gemacht hätte.

Salzburg – Am Anfang war die Palmers-Werbung. Deren Damen – projiziert auf die ganze Breite der Bühne – begrüßen mit großzügiger Gesäßnacktheit die edle Gesellschaft im großen Festspielhaus. Applaus für die Damenüberraschung, während Nikolaus Harnoncourt hereinkommt und auch was vom Lob der Prominenz abbekommt, die sich der "Mühe" unterzog, nach Salzburg zu reisen und auch für die nächstwöchigen Society-Kolumen zu posieren.

Ja, die Damen werden noch vom Plakatbild herabsteigen. Doch nicht unbedingt als Objekte der erotomanen Begierde. Das Thema hat sich für die Regie erledigt – längst ist die Sphäre des Erotischen Alltagsgeschäft der Industrie, also entzaubert und keine Quelle von Skandal und Erkenntnis-Mehrwert. Die Dessousdamen sind hier Skulpturen in einer Art Giovanni-Museum der Eroberungen – als wären sie von der Konzeptkünstlerin Vanessa Beecroft betreut worden. Dann wieder kleiden sie den toten Komtur an oder machen sich über Zerlina her. Giovanni lassen sie in Ruhe. Er sie auch. Man hatte schon Vergnügen.

Er, der zu Beginn karikierend Leporellos Antrittsgesang übernimmt, ist ein Zeitgenosse für gewisse Stunden. Thomas Hampson porträtiert ihn als kühlen Hedonisten, als Seele ohne Eigenschaften. Den Komtur tötet er lächelnd und leicht mit eisiger Grazie und betritt dabei die eigene Todeszone, die Harnoncourt schon in der Ouvertüre langsam, aber mit Leichtigkeit entstehen lässt.

Kleine Ausnahmeszene: Regisseur Martin Kusej lässt Giovanni mit Leporello neben der Leiche Platz nehmen und gibt ihm für einen Augenblick eine ahnende Seele. Giovanni schaut hinauf, als wollte er jene im Halbkreis aufsteigenden, dann fallenden Sechzehntellinien der Ouvertüre, die am Ende wiederkommen werden, nachzeichnen. Für einen kurzen Blick ist er Kind, melancholisches Staunen.

Keine Selbstkritik

Er sieht wohl sein Ende, doch bis zu dem ist noch ein wenig Zeit, und die wird nicht mit Selbstkritik vergeudet. Wo andere ein Gewissen haben, dort hat er einen ethikfreien Raum voller Damenunterwäsche. Moralbefreit entfaltet er jene Hypnotik, der sie dann alle erliegen möchten – Donna Anna (gesanglich sensationell Anna Netrebko), Elvira (profund Melanie Diener), die ihm so gerne glauben möchte, und Zerlina (präsent, aber mit kleinen Höhenproblemen Magdalena Kozená).

Ihre Gegenwehr schmilzt. Käme nicht immer wer dazwischen! Ständig ist was. In einem turbinenartigen weißen Drehraum (Martin Zehetgruber) zuckt das Licht, läuft das Völkchen mit Golf- und Hockeyschlägern bewaffnet dem Liebesvampir hinterher. Und immer höher werden die Zinsen, die Giovanni an seine Vergangenheit zu zahlen hat.

Doch verlässt sich Kusej nicht auf Aktionismus und Dekor. Er schafft zwar skulpturale Figurentableaus von großer Eindringlichkeit und hellste Momente atmosphärischer Kälte (Schwächen bei Licht, Gruppenszene und Szenenwechseln gibt es indes). Doch tief hat er in die Figuren hineingeblickt, sie von putzigen Klischees befreit.

Die Damen sind voll der Ambivalenz, zerrissen zwischen Erkenntnis und Versuchung. Und die Herrn: keine Deppen, eher lauter kleine Möchtegern-Giovannis. Don Ottavio (glänzend und in lyrischer Form Michael Schade) greift gerne zu. Auch die Trauer seiner Anna über den Tod des Vaters hindert ihn nicht daran, ihr ein wenig an die Wäsche zu gehen. Masetto (Luca Pisaroni) durchschaut Giovanni und geht ihm an die Gurgel, und für seine Kleine gibt es Watschen. Weil Kusej zweifellos die Geschichte erzählt, kommt sie auch tatsächlich zu ihrem Ende. Von allen Betrogenen überführt, verabschiedet sich Don Giovanni kurz in die Sphäre der Ohnmacht. Erholt begrüßt er den letzten Besucher als radikaler Individualist.

Ein kleiner Tisch, ein Stuhl, der Komtur (profund Kurt Moll) lehnt an der Wand. Auf schneebedecktem Boden wird dann per Handschlag Giovannis Schicksal besiegelt. Doch den Todesstich – den versetzt ihm Leporello. Giovanni stirbt hier, wie er mordet, die Dessousdamen hüllen den kalten Charmeur in Schnee.

Schöne Zeitlupe

Der große Regisseur des Musikalischen, Nikolaus Harnoncourt, setzt allerdings nicht auf Unterkühlung. Der Tod bekommt seine ganze Aufmerksamkeit im Dramatischen. Zuweilen setzt er aber auf einen Zauber der "Zeitlupe", auch in den Rezitativen herrscht zeitliche Großzügigkeit. Harnoncourt verhilft den feinen Emotionen des Lyrischen zu einer ganz eigenen Wärme, bereitet sie zuweilen mit einem aus dem Nichts kommenden Orchesterklang am Rande der Stille vor.

Er verlässt sich nicht nur auf dem philharmonischen Schönklang. Alles ist exakt ausphrasiert, mikroskopisch hellsichtig der Blick auf die Partitur. Und doch: Die Balance der zuweilen extremen Tempi (einmal hetzt er den grandiosen Hampson durch ein Parlando) überzeugt. Applaus. Einige Buhs. Sicher nicht der Beginn einer neuen Salzburger Bravheit. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.7.2002)