Kitzbühe - Die österreichische Versicherungswirtschaft ist derzeit "doppelt in die Zange" genommen worden, stellte der Chef der Generali Österreich, Dietrich Karner, in einem Pressegespräch in Kitzbühel am Rande des Generali Open fest. Auf der einen Seite habe sich die Risikolandschaft zu ihren Ungunsten verändert und die höhere Besteuerung bedeute eine zusätzliche Belastung, auf der anderen Seite sei eine Kompensation über die Finanzmärkte durch deren zunehmende Volatilität nicht mehr möglich. Karner wies darauf hin, dass die heimische Assekuranz im Vorjahr eine Combined Ratio (Verhältnis der Aufwendungen zu den Einnahmen) von durchschnittlich 110 Prozent aufzuweisen hatte. Um das auszugleichen, hätten stille Reserven mobilisiert werden müssen. Ungünstige Entwicklung Vor allem die Schaden/Unfall- und die Krankenversicherung hätten sich in den letzten zehn Jahren ungünstig entwickelt, betonte Karner. Während die Prämieneinnahmen in diesen Bereichen um 29,20 Prozent beziehungsweise 18,41 Prozent gestiegen seien, hätten sich die Schadenzahlungen um 37,14 Prozent beziehungsweise 22,41 Prozent erhöht. In Zukunft müssten sich die Versicherungen stärker auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und auf eine ausgeglichene Combined Ratio achten. Die durch das Budgetbegleitgesetz 2001 verursachte zusätzliche Belastung für die in Österreich tätigen Versicherer bezifferte Karner auf 500 Mio. Euro. Dies stelle eine Bedrohung für den Wirtschaftsstandort Österreich dar, denn größere Gesellschaften könnten Alternativen zur Steuerung der Rückversicherungsflüsse entwickeln, die zulasten heimischer Arbeitsplätze gehen würden. Für die internationalen Gesellschaften, wie Generali oder Allianz, sei die Umwandlung einer Tochter in eine Niederlassung ohnehin kein Problem. Konzentrationsprozess Für die Zukunft erwartet Karner einen Konzentrationsprozess in der österreichischen Versicherungsbranche. Die vier "Großen" - Wiener-Städtische-Gruppe mit einem Marktanteil von 20,8 Prozent, Uniqa-Gruppe (19,8 Prozent), Generali-Gruppe (15,5 Prozent) und Allianz (9,5 Prozent) - würden ihre Position behaupten. Unter den übrigen 60 Gesellschaften, die sich derzeit einen Marktanteil von knapp 35 Prozent teilen, werde aber ein Ausleseprozess stattfinden. Die größten Probleme würden landesweit tätige Versicherungsgesellschaften mit Markanteilen von zwei bis vier Prozent bekommen. Starke Regionalversicherer hätten bessere Chancen, die sie durch Kooperationen im Back-Office-Bereich noch steigern könnten. Auch der deutsche Professor für Versicherungswirtschaft, Matthias Müller-Reichart, glaubt an einen bevorstehenden Konzentrationsprozess in der Branche. So würden die abnehmende Bevölkerungszahl in den Industriestaaten (in Deutschland wird die Zahl der Einwohner bei gleichbleibender Zuwanderung bis 2050 um 22 Prozent zurückgehen) und die dadurch fehlenden Wachstumschancen Fusionen und Übernahmen begünstigen. Die künftige Struktur der Versicherungswirtschaft sieht Müller-Reichart in drei Hauptgruppen geteilt: internationale Allfinanzkonzerne, die neben Versicherungen auch Bankdienstleistungen, das Investmentfondsgeschäft und das Bausparen anbieten. Die zweite Gruppe werde aus Versicherungen mit einer starken nationalen Präsenz bestehen und die dritte Gruppe schließlich aus Spezialversicherungen mit regionalen oder produktmäßigen Schwerpunkten. (gb/DER STANDARD, Printausgabe, 29.7.2002)