Innsbruck - Als ich noch ein kleiner Bub war, war ich im ganzen Herzen schon grün-schwarz. Und so vergingen die Jahre, doch du bleibst mein großer Schatz.Wacker-Lied, erste Strophe. Georg hatte acht Tränen in nur zwei Augen. Er fühle sich verletzt, so, als wäre ihm die Alte abgepascht. Ohne Vorwarnung. Dabei ist er immer lieb zu ihr gewesen. Hat Abos gekauft, ist ihr überall hin nachgereist. Ins Hanappi-Stadion, auf den Horr-Platz, ins Schwarzenegger-Stadion. Sogar ins schmucke Bernabeu hat er sie begleitet, das ist lange her und nicht erbaulich gewesen, Real Madrid siegte damals nur 9:1. Georg ist ihr kaum böse gewesen, brachte die Kraft auf, die Alte zu trösten. Sich auch. Spanisches Bier heilte Tiroler Wunden. Es war am Samstag. Georg, einer der Gründer des Fanklubs "Grün-Schwarz-Adler" hockte mit Spezis in der Kantine des Tivoli neu. Sie tranken Tiroler Bier im österreichischen Innsbruck, tauschten Erinnerungen, wurden trübsinnig, schwärmten von den drei Meistertiteln, wurden trübsinniger. Der jüngste war 79 Tage alt. "Schön war es mit dem FC Tirol, er hat uns viel gegeben. Jetzt wurde er uns genommen." Wie es so weit hat kommen können, ist für Georg nach wie vor nicht nachvollziehbar, die Spieler und der Trainer seien toll gewesen. "Die Funktionäre haben alles versaut." Über die Hochstaffls, Kerschers und Bruckmüllers wolle er sich nicht äußern. "Sonst werde ich ausfällig." Die abgepaschte Alte hat wieder geheiratet. Zuvor musste sie eine neue Identität annehmen. Wer mit 35 Millionen Euro in der Kreide und im Kriminal steht, der muss untertauchen. Aus dem FC Tirol wurde der FC Wacker Tirol, der hat sich die WSG Wattens angelacht, also heißen sie SPG WSG Wattens Wacker Tirol. SPG steht für Spielgemeinschaft, WSG für Werksportgemeinschaft. Der Name ist erstens hässlich und zweitens zu lang. "Wir sagen Wacker, früher hat der Club auch so geheißen", verkürzt Georg. "Jedes Ende ist ein Anfang", sagte Obmann Michael Bielowski und strahlte wie ein Reaktor. Die "Schnalzer" aus Kundl wurden 2:0 besiegt, der Auftakt in die Regionalliga West war ein geglückter. Die Tore erzielten Damir Djulic und Samuel Koejoe. Vor 4800 Zuschauern. "Sensationell", meinte Manager Christian Ablinger, "da empfindet man Demut." Die Wacker hat ein Budget von einer Million Euro, für einen Drittligisten ist das nicht wenig, sondern sehr viel. Die Sponsoren Tiroler Wasserkraft, Tirol Milch und Swarovski sind geblieben. Bielowski ist Innsbrucker Sportstadtrat. "Das Tragische am Untergang des FC Tirol war, dass auf einmal 300 jugendliche Fußballer auf der Straße standen. Deshalb gibt es den Nachfolgeklub. Wir planen den Durchmarsch in die oberste Klasse." Alfred Hörtnagl und Robert Wazinger sind Überbleibsel vom FC Tirol, beide werden bald 36 Jahre alt. Ihr Job ist es, die junge Mannschaft zu leiten. Von den 24 Kaderspielern stammen 20 aus Tirol. Wazinger verdient um siebzig Prozent weniger, bei Hörtnagl ist es ähnlich. Die Zeit der Wehmut, so Hörtnagl, sei vorbei. "Es war eine grausliche Geschichte. Aber jetzt muss Schluss sein. Die Idee, etwas Neues zu schaffen, soll verwirklicht werden. Es ist ein steiniger, aber aufregender Weg." Und Wazinger sagte: "Warum sollte ich mir zu gut für die Regionalliga sein?" Trainer Michael Streiter empfindet es als Ehre "die Wacker betreuen zu dürfen". Georg hat die Partie gefallen, die Krot müsse man halt fressen. Natürlich sei Kundl nicht Rapid. Aber das habe auch Vorteile. Fußball ist billiger geworden, die Karten kosten sieben Euro, vor ein paar Monaten waren es 30. Die Reisen zu den Auswärtsspielen sind bündiger. "Nach Rum gemma zu Fuß. Und nach Hall fahr ma mit dem Radl." Er freue sich auf den 3. August, aufs Heimspiel gegen Reichenau/Aldrans, auch so eine Spielgemeinschaft aus Innsbruck. "Die Wacker wird es schaffen", sagte Georg. Seine Augen waren da ziemlich trocken. Die Alte ist zurückgekehrt. Reumütig.(Christian Hackl/DER STANDARD, Printausgabe, 29.7.2002)