Wien - Was bisher an den großen Wiener Bahnhöfen stattfand, wird seit Anfang Juli am südlichen Stadtrand Wiens erledigt. Auf 30.000 m² Fläche schuften rund 400 Mitarbeiter in zwei Schichten, damit Brief, Postkarten und Massenaussendungen wohlbehalten in Wiens Briefkästen flattern. Das Briefzentrum Wien hat in Inzersdorf seinen Probebetrieb aufgenommen.Ab September will man sich auch der für Niederösterreich und das Burgenland bestimmten Briefe annehmen. Insgesamt 1200 Mitarbeiter sollen dann rund um die Uhr in drei Schichten arbeiten und mit vier Millionen Sendungen die Hälfte des österreichischen Briefaufkommens abwickeln. Die Paketbereich wird hingegen die Domäne des Wiener Südbahnhofs. Das neue postalische Glaubensbekenntnis lautet: "E+1". Es steht für Einwurftag plus einen Tag - länger soll es künftig nicht dauern, bis ein Inlandspoststück beim Empfänger ist. 60 Prozent der Sendungen sollen via Lkw, 40 Prozent über die Schiene abgewickelt werden. Beim STANDARD-Lokalaugenschein im brandneuen Briefzentrum trudeln die Kuverts in orangen Kisten in Rollwägen ein, Entladeroboter packen zu und platzieren sie auf 5,5 Kilometer langen Förderbändern. Krakelige Handschrift Ab dann erwarten die Sendungen, je nach Formatgröße, verschiedene Sortiervorgänge. Computergesteuerte Postleitzahl-Lesegeräte sorgen in schwindelerregendem Tempo für eine Auffächerung der Briefe. Ohne den Menschen, betont der stellvertretende Projektleiter Norbert Neuhold, kann und wird es aber nie gehen. Nicht nur weil allzu krakelige Handschriften auch den schlauesten Rechner überfordern, sondern weil so manches, was Versender in Kuverts packen, auch die sensibelste Technik zum Stillstand bringen kann. Die größte Angst habe man vor widerborstig-scharfkantigem Briefinnenleben. Ein simpler Schlüssel etwa in einem Kuvert kann mehrstündige Reparaturarbeiten an der Sortierablage zur Folge haben. Doch auch ohne Schlüsseltorpedos treten immer wieder kleinere Pannen auf. Neuhold bleibt aber jeder Aufregung abhold: "Ein Probebetrieb ist schließlich dazu da, um Probleme auszumerzen." Zustellungsprobleme Aber auch der Mensch sorgt noch für ein unrundes Werkl: Viele der nun im vollautomatischen Betrieb werkenden Postler haben jahre- oder jahrzehntelange händische Sortierpraxis. Tief sitzende Ressentiments gegenüber der modernen Technik seien sicher für die massiven Zustellprobleme in den vergangenen Wochen mitverantwortlich gewesen, gibt Neuhold zu. Aber bis kommenden September sollte alles wie am Schnürchen klappen. Schließlich will die gelbe Post schnell sein und nicht langsam wachsen. Das darf nur der geplante Postwald. Der soll in den nächsten Jahren als Hydropflanzenkultur das Dach des neuen Postfuchsbaus zieren. (Stefan Maier/DER STANDARD, Printausgabe, 29.7.2002)