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Die Not macht viele Serben anfällig für Propaganda: Das Bild von Milosevic mit Enkerl wird bei Demonstrationen gerne geschwenkt

Foto: REUTERS/Ivan Milutinovic
Noch vor wenigen Jahren wollte Vojislav Seselj im Namen des Serbentums Kroaten und Muslimen "die Augen mit einem verrosteten Löffel ausstechen". An diesem Wochenende gab der Führer der ultranationalistischen Radikalen Partei seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen im September bekannt. Auch die Sozialistische Partei will die Kandidatur ihrem Gründer und Präsidenten anvertrauen - Slobodan Milosevic. Dass dem Exkriegsherrn Serbiens gerade wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit der Prozess vor dem Haager UN-Tribunal gemacht wird, betrachtet man als eine kostenlose Wahlkampagne für den "serbischen Volkshelden" und seine Partei. In diesem Sommer kehren in Serbien die Gespenster der Verangenheit zurück. Milosevic-Fans demonstrierten im Zentrum Belgrads mit Parolen wie "Milosevic wird zurückkommen" und großen Fotos des gestürzten Herrschers mit seinem Enkelsohn. Auch Bilder der steckbrieflich gesuchten bosnischen Führer Radovan Karadzic und Ratko Mladic fehlten nicht. Man protestierte gegen die "korrupte" Regierung, die "die Aufträge der USA kriecherisch ausführt". Die Milosevic anbetende Menge blockiert dann auch schon stundenlang die Innenstadt. "Ein Ball der Vampire ist das", lauten dann die Kommentare von Passanten: "Ich habe wirklich gedacht, diese Leute würden sich vor Scham nie wieder in die Öffentlichkeit trauen." Auch Vuk Draskovic, der vergessene "König der Massenproteste" gegen Milosevic, wollte es kürzlich mit einer Großkundgebung vor dem Bundesparlament in Belgrad noch einmal wissen. Durch die Hauptstadt spazierten so neben den entmachteten "Kommunisten Milosevic'" die Anhänger von Draskovic' "Serbischer Erneuerungsbewegung" (SPO) - vollbärtige Tschetniks mit ihren Pelzmützen, Kokarden und Totenkopffahnen - wie vor einem Jahrzehnt inmitten der nationalistischen Kriegseuphorie. "Neuwahlen oder Massenproteste bis das Regime stürzt", brüllte Draskovic vor rund 20.000 Menschen. Der monarchistische Wirrkopf beschuldigte Serbiens Premier Zoran Djindjic, ein ebensolcher Diktator wie Milosevic zu sein. Ein Wolf mit Charisma Draskovic warf der serbischen Regierung vor, das Land ausländischen Investoren wie bei einem "Sommerschlussverkauf" zu Spottpreisen zu verkaufen. Geschickt spielte der immer noch charismatische Vuk (deutsch: Wolf) mit der katastrophalen sozialen Lage und der enormen Arbeitslosigkeit in Serbien, mit der wachsenden Unzufriedenheit der Bürger und der tragischen Situation der im Kosovo verbliebenen Serben. Die Unzufriedenheit und die Ungeduld in Serbien wachsen. Streiks der Eisenbahner, Lehrer, Taxifahrer oder Bergarbeiter wechseln sich ab. Die Preise steigen, der Lebensstandard der verarmten Bürger sinkt. Allein der Strompreis ist um ganze fünfzig Prozent gestiegen. Der erbarmungslose Machtkampf zwischen Reformpremier Zoran Djindjic und Bundespräsident Vojislav Kostunica kompromittiert immer mehr die demokratischen Kräfte, die gemeinsam das Regime Milosevic vor zwei Jahren gestürzt haben. Die Wähler hätten damals nicht "für" die Opposition, sondern "gegen" Milosevic gestimmt, warnen Analytiker. "Die sind auch nicht anders", hört man immer mehr Menschen sagen. Belgradern tut es gut, nach einem Jahrzehnt internationaler Isolation wieder Fremdsprachen auf den Straßen und in Restaurants der Hauptstadt zu hören. Allen voran österreichische Firmen und Banken kommen nach Serbien, schauen sich nach Geschäftsmöglichkeiten um. Der Aufschwung ist bisher jedoch ausgeblieben. Die marktwirtschaftlichen Erfolge und die außenpolitische Anerkennung der Regierung bekommen die Bürger noch nicht zu spüren. Die Frustration in Serbien wächst täglich; und damit die Angst der Menschen, die von Not und Elend geprägte Vergangenheit könnte das Land wieder einholen.(DER STANDARD, Printausgabe, 29.7.2002)