Frankfurt - Im dritten Quartal wird die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen nicht mehr erhöhen. Davon zeigt sich Mehrheit der von "vwd Euro intern" monatlich befragten elf EZB-Watcher von Großbanken überzeugt. Drei Ökonomen - Sharda Dean (Merrill Lynch), Joachim Fels (Morgan Stanley) und Ulrich Hombrecher (WestLB) - erwarten allerdings, dass der EZB-Rat die Geldpolitik spätestens bei seiner Sitzung am 10. Oktober strafft. Sie sehen den Hauptrefinanzierungssatz dann bei 3,50 Prozent. Die drei EZB-Watcher rechnen mit einer Fortsetzung der Zinsanhebungen in den darauf folgenden drei Monaten und zwar um weitere 25 Basispunkte. In sechs Monaten sehen auch Christoph Weil (Commerzbank), Claudia Henke (Dresdner Bank) und Ulla Kochwasser (Mizuho Corporate Bank Deutschland) eine Zinserhöhung. Während Weil nur einen Schritt um 25 Basispunkte vorhersagt, prognostiziert Kochwasser eine Anhebung um 50 Basispunkte. "Die EZB wird die Zinsen im vierten Quartal erhöhen", sagt Kochwasser. Die derzeit trübe Stimmung sei hauptsächlich auf die desolate Lage am Aktienmarkt zurückzuführen. "Vor allem strahlt die Unsicherheit in den USA auf Europa aus. Die Fundamentaldaten rechtfertigen aber einen US-Aufschwung - und das wird sich auch in Europa bemerkbar machen", erklärt Kochwasser. Geldpolitik straffen Die EZB werde wegen des noch starken Geldmengenwachstums von weit über 4,5 Prozent die Geldpolitik straffen. "Derzeit zögert die Zentralbank zu Recht noch wegen der Konjunkturunsicherheit", so die EZB-Watcherin weiter. Wenn sich die Anzeichen einer Erholung mehrten, werde sie die Zinsen anheben. Kochwasser hat ihre Prognosen für das Wachstum der Eurozone verglichen mit der Umfrage im Juni für 2002 von 1,7 auf 1,4 Prozent und für das Folgejahr von 2,7 auf 2,5 Prozent reduziert. Als Begründung nennt sie den schwachen privaten Verbrauch. Den Euro sieht sie in den kommenden sechs Monaten weiter unter Parität zum Dollar tendieren. "Der Aktienmarkt ist derzeit schwach, in den USA herrscht die Angst vor, dass das Land das Defizit nicht finanzieren kann. Doch wenn die Investoren wieder auf die Fundamentaldaten zurückgreifen, wird sich die relative Stärke der USA zeigen", fügt die Ökonomin hinzu. Schließlich sei die US-Wirtschaft robuster als die europäische, der Arbeitsmarkt flexibler. Dresdner Bank reduziert BIP-Prognose Claudia Henke von der Dresdner Bank hat die BIP-Prognose für das laufende Jahr von 1,6 Prozent in der Juni-Umfrage auf 1,4 Prozent vermindert. "Wir haben unsere Vorhersagen für Deutschland nach unten korrigiert - hier auf Grund von Sondereffekten wie Streiks und der deutschen "Teuro"-Diskussion. Auch für andere Euro-Länder wie Italien und Frankreich erwarten wir ein etwas geringeres Wachstum. Hier berufen wir uns vornehmlich auf die Entwicklung der Finanzmärkte und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Vertrauensindikatoren, die das Anspringen der Investitionen verzögern", sagt Henke. Der Euro dürfte nach Einschätzung der Dresdner Bank im kommenden halben Jahr weiter nahe der Parität verharren. In den Augen der Marktakteure scheine die Attraktivität von Engagements in Euroland verglichen zu den USA gestiegen zu sein. Sollte sich der US-Aktienmarkt erholen, könnte der Euro allerdings wieder nachgeben. (APA/vwd)