Eigentlich ist die Geschichte mit der Giraffe 1828 untypisch. Oder typisch eben erst für eine spätere Zeit, einen Wandel der Öffentlichkeit, der sich zwischen der Gründung der Schönbrunner Menagerie 1752 und den neuen Massen acht Jahrzehnte später vollzog:Keinen Fleischgestank bei der Fütterung - und deshalb keine Raubtiere und keine Affen - wollte Franz Stephan von Lothringen, als er anfangs Tiere für die Schönbrunner Menagerie suchen ließ. Ihn interessierten seltene Wasservögel, exotische Hühner und Fasane aus Indien. Das sei wohl teuer, aber "c'est mon plaisir", meinte er. Nach der Öffnung der Menagerie für die Öffentlichkeit 1779 aber ging es nicht mehr um "mon plaisir", sondern um breite Attraktionen - die Konkurrenz durch "Wandermenagerien", wo Wärter ihren Kopf in aufgerissene Löwenmäuler steckten, war groß. Und hier hat die Geschichte mit der Giraffe ihren Platz, denn eine breite Masse in der sich bildenden Großstadt nahm hier erstmals geschlossen am Schicksal eines Einzelwesens teil: Der albanische Abenteurer Mehmed Ali, so ist dem Prachtband Menagerie des Kaisers - Zoo der Wiener (Pichler-Verlag) zu entnehmen, wollte durch Giraffengeschenke an London, Paris und Wien Verbündete im Kampf gegen den türkischen Sultan gewinnen. Aber wie sollte man das im Sudan gefangene und nach Alexandria gebrachte Tier nach Wien bringen? Zuerst band man die Giraffe auf ein Dromedar, um sie nach Kairo zu transportieren. Dabei brach sie sich, wie sich erst in Wien herausstellte, die Oberschenkelhalsknochen. Deshalb konnte sie nach ihrer Schifflandung in Venedig kaum gehen, was man sich aber nicht erklären konnte: Man fertigte ihr Lederschuhe für die Hufe, aber bei gebrochenem Bein nützt das nichts. Man setzte sie in einen ausgepolsterten Wagen und führte sie über Varazdin und Ödenburg nach Wimpassing. Der Kaiser begrüßte sie am 6. August in Laxenburg. Die Wiener waren begeistert, es kam zu einer "Giraffenmanie", die erste Massenhysterie in dieser Stadt: Es gab Giraffentorten, Giraffenmuster auf Hüten, am Graben wurde sogar eine Duftnote "Esprit à la Giraffe" verkauft. Kompliziert wurde es für Damen, die mit ihrer "Frisur à la Giraffe" nicht in die Kutsche passten. Leider starb das Tier schon 1829, das Fell landete im Naturalien-Cabinet. Aber seither steht der Zoo in der Spannung zwischen wissenschaftlicher Beobachtung und Massenpresse. Seine Bewohner sind den Blicken ausgesetzt, die in ihnen nicht nur das Fremde, sondern wohl auch das Eigene wiedererkennen wollen: So beob- achtete Frances Trollope auf ihrer Wien-Reise 1838 im Zoo ein "Familientrio" bei den Bären: "Es war der Bärin beinahe gelungen, sich in den Besitz eines leckeren Bissens zu bringen, als ihr Herr und Meister auf sie lossprang und mit solcher Gewalt an seine Brust drückte, dass fast jedes Frauenzimmer aus dem Kreise der Zuschauer aus Mitgefühl aufschrie." Stehen "wir" uns tatsächlich so nahe? Es ist die Frage, wer in einer Menagerie wen beobachtet: Wir die Tiere oder sie uns? Und aus welchem Interesse? In Schönbrunn löste Darwins Theorie auch einen Boom vor den Affenkäfigen aus: Sind das wir? Nannte man deshalb in den 30ern einen Elefanten "Pepi", eine Elefantenkuh "Mizzi" und ihr Kalb "Mädi"?- Tiere sprechen nicht in menschlicher Sprache, deshalb sind sie offen für Projektionen. Auch die individuelle Begeisterung kann dann manchmal ins Extrem gehen: So erzählte der Einbrecherkönig Johann Breitwieser 1921, dass er sich oft über Nacht im Tiergarten einschließen ließ. Vom Polizeikommissar nach seiner Schulbildung gefragt, soll er dann geantwortet haben: "A Aff' war mei Lehrer und a Bär mei Professor." (Richard Reichensperger/DER STANDARD, Printausgabe, 30.07.2002)