Berlin - SPD und Grüne könnten nach Einschätzung des deutschen Wahlforschungsinstituts Infratest von einer neuen Rekordzahl kurz entschlossener Wähler profitieren und noch in den letzten Tagen vor der deutschen Bundestagswahl aus ihrem Umfragetief herauskommen.

Bereits 1998 hätten etwa 30 Prozent der Wähler angegeben, erst in der letzten Woche vor der Bundestagswahl ihre Entscheidung getroffen zu haben, sagte Infratest-Geschäftsführer Richard Hilmer am Montag: "Diesmal wird der Anteil eher noch höher liegen."

Dies könne für Rot-Grün vor allem deshalb entscheidend sein, weil sich diese Wählergruppe selbst in den Bereich der politischen Mitte einordne, meinte Hilmer. Die Gruppe erwarte von der Bundesregierung sowie von der Opposition konkrete Vorschläge zur Belebung der Konjunktur und des Arbeitsmarktes und werde davon ihre Wahlentscheidung abhängig machen.

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) habe daher mit der Präsentation der Ergebnisse der Hartz-Kommission Mitte August sowie mit dem geplanten TV-Duell gegen seinen Herausforderer Edmund Stoiber (CSU) durchaus noch Chancen auf den Wahlsieg.

"Zurzeit liegen Union und FDP in den Umfragen zwar um rund acht Prozentpunkte vor Rot-Grün, in den nächsten Wochen kann es aber noch sehr knapp werden", sagte Hilmer. Die Unzufriedenheit der Bürger mit der rot-grünen Bundesregierung konzentriere sich auf die wirtschaftliche Entwicklung und auf den Arbeitsmarkt. "Die Konjunktur und der Arbeitsmarkt überdecken alle anderen Bereiche." Zunehmend spiele aber auch die Steuerproblematik mit der Belastung der kommunalen Kassen eine Rolle.

"Entscheidend könnte am 22. September sein, ob die Wähler das Konzept der Hartz-Kommission zur Reform des Arbeitsmarktes als glaubwürdige Fortsetzung der rot-grünen Reformbemühungen werten", sagte der deutsche Wahlforscher. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.7.2002, Reuters)