Alexander Zemlinskys "König Kandaules" in Salzburg: Christine Mielitz inszeniert ein solides Psychodrama und eröffnet unter heftigem Applaus und wenigen Buhs den Exilkomponisten-Schwerpunkt der Festspiele.Salzburg - Zweifellos eine Virtuosin. Und zu ihrem Instrument wird mitunter der ganze Theaterraum. Auch wenn Christine Mielitz einmal nichts Außergewöhnliches einfällt, sind doch, wie bei Virtuosen eben üblich, so viel tadellose Technik und Routine vorhanden, um elegant über die Opernrunden zu kommen.

Aus dem Archiv ihrer Einfälle zieht sie oft Theatereffekte hervor, die auf überraschende optische Kontrastwirkung setzen und mit der Publikumssicht spielen, indem sie den Blick verengen. So bleibt der Vorhang im Kleinen Festspielhaus zunächst unten; nur ein duschkabinen-großer Spalt öffnet sich, eine nackte Gestalt trägt den Fisch, der später im Bauch der Festgesellschaft landet. Doch das war's. Nur riesige Sex-and-Crime-Zeichnungen von Alfred Hrdlicka (links und rechts von der Bühne) zeigen, dass der Künstler, mit dem Mielitz in Meiningen spektakulär den ganzen Wagner-Ring stemmte, hier als Bühnenbildner auch was zu tun hatte.

Der Rest im ersten Akt - eine Kandaules-Fete im Zuschauerraum. Wird hinter der Bühne schon für 2006 umgebaut? Sollen wir Komplizen und Teil jener dekadenten Gesellschaft werden, die in Uniformen und mit Pierrot-Hütchen um den abgehobenen und identitätsschwachen König Kandaules scharwenzelt, der sein Frauenglück mit anderen zwanghaft teilen muss?

Mit Sicherheit will Mielitz die Aufmerksamkeit für die Figuren reservieren, die mit ihren Glücksmodellen aufeinander prallen, von ihnen nicht lassen können und wie ferngesteuert in den Mahlstrom letaler Ereignisse gezogen werden; nirgends wird die Rätselgeschichte plakativ auf Voyeurismus und Exhibitionismus reduziert. Und das ist auch ganz gut so.

Schließlich kann nicht behauptet werden, dass Alexander Zemlinskys Oper, dieser süffige Stilmix unter Ausklammerung der Zwölftönigkeit des Zemlinsky-Schülers Schönberg, Repertoireselbstverständlichkeit ist. Mit dem Opernfragment im Gepäck musste der Komponist vor den Nazis in die USA flüchten; erst 1996 ist das Werk in einer Rekonstruktion von Anthony Beaumont in Hamburg uraufgeführt worden. Peter Ruzicka war damals Opernchef.

Es entsteht bei Mielitz ein unmittelbar und logisch erzähltes Psychodrama. Der Fischer ermordet seine Frau brutal. Auch im zweiten Akt, da man auf der Bühne vor Hrdlickas in ein Gebäude hineingerammter vieldeutiger Reliefplastik spielt, ist die Frauenleiche präsent. Nichts wirkt putzig märchenhaft - nur an einer Feuer-Nebel-Stelle kommt unfreiwillig Rührung auf. Es siegt das schnörkellose Menschentheater.

Im Finale darf es sich an der Rampe vollenden. Schließlich steht das Orchester auf der Bühne, wird zum Bühnenbild, was dem Deutschen Symphonieorchester Berlin unter Kent Nagano einen distanzierten Klang verleiht und den differenzierten Partiturzugriff, den man zwei Akte lang erleben konnte, neutralisiert.

So sieht man also aus nächster Nähe, wie Mielitz mit sparsamen Mitteln - auch in der sachlich inszenierten Nacktszene - die Sache zu Ende bringt: Die Ermordung von Kandaules (jederzeit präsent Robert Brubaker) durch den Fischer (von grimmiger Unmittelbarkeit Wolfgang Schöne) endet in einer Dreier-Umarmungsskulptur, an der auch Nyssia (packend dramatisch Nina Stemme) beteiligt ist, die als Perückenblondine mit schwarzer Brille beginnt und als entschleierte Rachefurie die Katastrophe vorantreibt. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.7.2002)