Salzburg - Vor den Ertrag der Seligkeit hat Gott der Herr die mühselige Bewirtschaftung unserer Seelen gesetzt. Wie ein Fiskalbeamter dringt er auf die Abführung enormer Bußleistungen; legt er Rechenbücher an und hofft auf mildtätiges Betragen. Nur dann, wenn auch Herr Jedermann das Zeitliche segnet, streicht er bereitwillig den Schuldschein aus: Ein Kruzifix aus einem weißen Plastiksack, von denen Gottvater (Hans-Michael Rehberg) deren zwei in seinen wundbemalten Händen trägt, taugt so recht zur bußfälligen Beknirschung, ehe dann Jedermann auf halber Höhe einer Marmortreppe, vom Glauben sacht geleitet, vom Tode hinterrücks angepackt, sich auf ewig schlafen legt.

Denn während der real existierende Heilige Vater die Jugend der Welt gerade zum spirituellen Eingedenken anhält, tilgt man am Salzburger Domplatz die lächerlichsten Spuren der Frömmelei aus dem bigott verrunzelten Jedermann-Angesicht.

Regisseur Christian Stückl entwickelt einen geradezu konziliaren Reformeifer: Er darf und mag am schwarzen Kern der Toten-Wiederaufbereitung nicht rühren, muss aber allweil fesch und schlank und stracks den Jedermann am klammen Händchen in die Grube führen. Dergleichen rechnet sich bei allen, die das Auftragen von ein paar lustig-liederlichen Schönheitsflecken schon für ein Bad im Jungbrunnen halten. Und Peter Simonischeks, des neuen Jedermann herbe, schlohfarbene Männlichkeit mit Modernität verwechseln. An Hofmannsthals prekäres Heilswerk mag niemand mehr so recht glauben. Am wenigsten ein Gott (Rehberg), der wie ein jüdischer Schriftgelehrter die Kinder von der Marmorplattform verscheucht, weil sie die alten Knittelverse krähend verschmähen: "Wo ist mein Buhl . . .?", zwitschern die Kleinen, und ein Knabe gibt gar den Gott, mit Wattebart und Kupfertrichter.

Golem Tod

Der Herr muss dem stumpfen Treiben also Einhalt gebieten: Teilt Kruzifixe aus, salzt seine Wunden - und reißt recht liederlich die Gekreuzigten-Arme auseinander, während sein Tod (Jens Harzer) als madiger Lehmmensch und Golem emportaucht.

Von der verzwickten Theologie dieses Anfangs erholt sich Stückls Jedermann nie mehr ganz. Wo noch Gernot Friedel als Gipsmeister den Reinhardt-Marmor verschandelte, gibt der Oberammergauer Werkmeister den talentierten Eigenbau-Ingenieur. Lässt Gott als armen Nachbar feilschen, den guten Gesell (Tobias Moretti) viel süddeutsches Zungenholz raspeln. Vollends die komisch gekrähte Bigotterie-Arie der Mutter (Jennifer Minetti) lässt den Pfundskerl viel abgestandene Sorgenluft ausstoßen: Simonischeks Edelmann kommt vor lauter Rechthaberei gar nicht erst zum Genießen.

Jedermanns Tischgesellschaft darf sich hochbarock ergötzen: Eine Gruppe von Kniegeigern verhackstückt Bachs Zweites Brandenburgisches. Die Buhlschaft (Veronika Ferres) rückt im Heuwagen an: Lässt sich pfundschwer haschen und faustdick karessieren, wobei die Ferres freudig am hochgebauschten Rocksaum zupft (Bühne und Kostüme: Marlene Poley).

Für Jedermann ist das: vergebene Nächstenliebesmüh'. Der Kern der ganzen Unternehmung ist unwiederruflich totgebrannt. Wer nicht mehr an die Ökonomie der Schuldherrlichkeit neu zu glauben vermag, wird sich um Jedermanns sakramentale Konversion - einen Teufel (wiederum Moretti) scheren.

Christian Stückl inszeniert seinen eigenen, spürbaren Ekel vor der Doppelmoral als sackbetuchte, schöne Leich', die in die Kiste fährt, wie weggenagelt. Der neue Jedermann : bußfix und -fertig. Doch auch so wird seiner schlecht geacht'. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.7.2002)