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Während wir eben noch dachten, das Dotcom-Sterben wäre ausgestanden und die New-Economy-Blase endgültig geplatzt, ist die Telekomkrise erst so richtig in Fahrt gekommen. Und diese droht, das bisherige Schlamassel in den Schatten zu stellen. Qwest, das eben in einer langen Reihe als Letzter "Bilanztricks" von wenigstens einer Milliarde US-Dollar einräumte, galt bis vor kurzem als Inbegriff von Zukunftsorientiertheit. Das Unternehmen versprach der Informationsgesellschaft "Kommunikation in Lichtgeschwindigkeit"; ein enormes Glasfasernetz war die Saat, die zu einer unerschöpflichen Gebührenernte führen sollte. Eine heute aberwitzig klingende Zahl schürte über viele Jahre den Glauben von kleinen wie großen Anlegern und Geldgebern: Der Datenverkehr würde sich alle 100 Tage verdoppeln - dafür müsse man nur die entsprechenden Leitungen legen, und schon würden die Kunden in Scharen herbeiströmen. Diese Zahl wurde zum Mythos der Telekombranche, in zahlreichen Präsentationen verklärt, aber nie wirklich belegt. Beträchtliche Steigerung Dabei weist das Internet seit etwa 1997 tatsächlich eine beträchtliche Steigerung auf: Der Datenverkehr verdoppelt sich - aber etwa jährlich und nicht alle 100 Tage, wofür die Anbieter ihre enormen Kapazitäten aufbauten. Dazu kam, dass der technische Fortschritt nicht mit dem Verlegen der Glasfasern sein Ende erreichte: Über dieselbe Leitung kann heute das Hundertfache an Information gepumpt werden als vor einigen Jahren. Neue Kabel und neue Technologie ergeben heute ein rund 500-mal höheres Angebot - während die Nachfrage "nur" etwa das Fünffache als vor vier oder fünf Jahren ist. Zu guter Letzt zeigt sich auch, dass gesellschaftliche Veränderung nicht mit derselben "Lichtgeschwindigkeit" passiert wie die technische. Zwar hat sich das Internet einen prominenten Platz in unserem Alltag erworben und weitet diesen kontinuierlich aus. Aber es braucht längere Zeiträume, um wenigstens einen Teil der technischen und kommerziellen Fantasien umzusetzen. Hunderte Filme über eine Telefonleitung, Videoclips am Handy - wer hat schon noch Zeit (und Geld), das alles zu verdauen? Lebenslüge Die jetzt zutage kommenden Bilanztricks, bei der Firmen ihre unverkäuflichen Überkapazitäten aneinander verkauften, um ihre Erträge auf Papier zu steigern, waren der letzte verzweifelte Versuch, die Lebenslüge der Branche aufrechtzuerhalten. Diese Lebenslüge - unermessliches Wachstum - ist aufgeflogen wie ein Pyramidenspiel, das es letztlich ist. Dabei entsteht eine Reihe von Folgeproblemen: Wenn Unternehmen wie Worldcom durch die Insolvenz von ihren Schulden befreit agieren können, werden sie ihre enorme Überkapazität zu Schleuderpreisen verkaufen können - weitere Insolvenzen sind fast unausweichlich, um wieder für Gleichheit unter den Anbietern zu sorgen. Enorme Überkapazitäten Die enormen Überkapazitäten bedeuten für Jahre eine düstere Auftragslage für die Zulieferindustrie (wie die Netzwerkausrüster). Und die dritte Mobilfunkgeneration UMTS, durch staatliche Lizenzgebühren enorm verschuldet, wird die "Leitungskapazität" weiter erhöhen, da auch hier die Nachfrage mit dem Angebot noch lange nicht Schritt halten wird. Paradoxerweise sind es die alten Unternehmen im Konzert der Telekoms, die die besten Überlebensaussichten haben: in den USA die so genannten Baby Bells - die Nahversorger, die aus der Zerschlagung des Monopolisten AT&T hervorgingen - und in Europa die früheren nationalen Telefongesellschaften. Dafür gibt es zwei Gründe: Sie besitzen die "letzte Meile", also den direkten Draht zu den Endverbrauchern, für den es kein Überangebot gibt. Und in Europa erscheint undenkbar, dass die Staaten (weiterhin wesentliche Eigentümer) die Telekomunternehmen in die Pleite schicken - selbst wenn sie wie die Deutsche Telekom Schulden in der unvorstellbaren Höhe von mehr als 60 Milliarden Euro angehäuft haben. (DER STANDARD, Printausgabe 30.4.2002)