Das Leben eines Saharaui ist schnell aufgerechnet: 400 Gramm Mehl, 200 Gramm Gemüse, 80 Gramm Öl, dazu Zucker und Salz. Das ist die Tagesration, die das Ernährungsprogramm der UNO Monat für Monat in den Flüchtlingslagern im Süden der algerischen Sahara verteilen lässt. 26 Jahre geht das so, bei bis zu 50 Grad im Sommer und weit unter null im Winter, denn im Schatten der großen weltpolitischen Konflikte ist einiges erlaubt.Das Königreich Marokko - pittoreskes Urlaubsland und hart kalkulierender Feudalstaat - wittert nun seine Chance und will den Sack endlich zumachen: Im Verein mit dem mächtigsten Bündnisgenossen, den man sich derzeit wünschen kann, steuert Rabat die endgültige Einverleibung der Westsahara an. Knapp 270.000 Quadratkilometer Sandwüste von zweifelhaftem Wert - eine marode Anlage zur Phosphatförderung; fischreiche Meeresgründe, die Marokko ohnehin schon abfischt; Theorien über Ölvorkommen vor der Küste, die sich beharrlich weigern, wahr zu werden - sollen die USA im UN-Sicherheitsrat dem marokkanischen Königshof zuschlagen. Weshalb sie das tun sollten, liegt auf der Hand: Marokko ist ein prowestliches muslimisches Land. Ein innenpolitischer Sieg des jungen Monarchen Mohammed VI. würde den Islamisten im Königreich das Wasser abgraben. Washington hätte sich eine Bastion im Feldzug gegen den Terrorismus (und den Irak?) gesichert. Außerdem ist James Baker III, früherer US-Außenminister und jetziger UN-Beauftragter für die Westsahara, bekanntlich auch ein texanischer Ölbaron. Das ist ein Argument, das in keiner Komplott-Theorie der Saharaui und ihrer wenigen Verbündeten fehlen wird. Dass es wieder einmal UN-Generalsekretär Kofi Annan war, der in die Knie ging, wird dabei übersehen. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 30.7.2002)