"It's the way things happen. One leaves people oneself and then the tide turns. It almost makes me believe in justice." Graham Greene in seinem Vietnam-Roman The Quiet American. Lenin hatte geschrieben: Der Kampf beginnt im eigenen Land. Und vergessen wir doch nicht, dass nach den Schlachten des 1. Weltkriegs auch Österreicher nach Spanien fuhren, um dort für die Demokratie zu kämpfen.Albert Schweitzer studierte Theologie, wurde Hilfsprediger und Privatdozent, fühlte aber dann, dass er Gott so nicht dienen konnte. Er studierte Medizin, ging nach Afrika und half dort als Arzt den Ärmsten der Armen. Ähnliches macht nun schon seit zwanzig Jahren Karl-Heinz Böhm, nicht nur neben Romy Schneider Star der Sissi-Filme, sondern Schauspieler auch unter Fassbinder. Woher komme ich, wohin gehe ich? Vor einigen Jahren begegnete der Autor in der Straßenbahn einem Libanesen, der zu einem Fachärztekongress nach Wien gekommen war. Wir unterhielten uns zwei Abende lang, bis in die Nächte hinein. Er erzählte seine Geschichte: Studium der Medizin in Paris, dort auch Ausbildung zum Facharzt und Tätigkeit als solcher. Dazwischen immer wieder Urlaube in der Heimat - bis sich eines Tages sein Gewissen meldete: Woher komme ich? Wo arbeite ich? Wie viele Fachärzte gibt es in meinem Herkunftsland? Wie viele in Frankreich? So entschloss er sich zur Rückkehr. Und was sagte der afrikanische Popstar Femi Kuti, der nicht wie viele seiner afrikanischen Kollegen in London, Los Angeles oder Paris, sondern in Lagos lebt, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in einem langen Gespräch? "Wie kann ich in dieser Situation meine Landsleute im Stich lassen?" Unfassbarer Verlust Also: Man nehme die Gesundheits- und Bildungsdaten "unserer" Schwarzafrikaner, stelle sie den statistischen Daten ihrer Heimatländer gegenüber und sehe so den in Zahlen fassbaren Verlust, den ihr Weggang verursacht. Man übersehe die Wirkung des durch die Abwanderung entstehenden Sogs auf weitere Landsleute nicht, vergesse auch die Schleppergelder nicht und frage sich wenigstens dann, wie diese Völker ihre existenziellen Probleme lösen sollen. Wie viele Veröffentlichungen gibt es zum Sterben Omofumas? Und - vergleichsweise - wie wenige über den Hungertod von Millionen afrikanischer Kinder! Nicht so schlimm, aber eben doch auch nicht grundsätzlich anders liegen die Dinge zum Beispiel bei "unseren" Albanern und Bosniern, die nicht heimkehren wollen, um dort mitzuhelfen, jene Arbeit zu tun, die nach dem 2. Welt-krieg Deutsche, die ja nicht alle Nazis gewesen waren, für den Wiederaufbau ihrer zerbombten Städte Berlin, Dresden, Hamburg, Nürnberg . . ., geleistet haben. "Unsere" Schwarzafrikaner Aber wie man das alles tabuisiert! Wann brachte unser öffentlich-rechtlicher ORF Bernardo Bertoluccis Klassenkampf-Epos 1900? Wann sehen wir Boisets und Semprúns Streifen Das Attentat, gedreht nach der Entführung und Ermordung des Exilpolitikers Ben Barka? Wann Alain Resnais' Der Krieg ist vorbei über den Untergrundkampf, den dieser Jorge Semprún nach seinen Résistance- und darauf folgenden KZ-Jahren in Spanien gegen Franco geführt hatte? Der Autor trifft immer wieder Studenten, die diese Filme oder etwa auch Costa-Gavras' Streifen Der unsichtbare Aufstand über den Widerstand der Tupamaros gar nicht kennen. Und dann noch diese Seite: Haben Sie die Kleidung und die Handys vieler "unserer" Schwarzafrikaner gesehen und sich dabei nie gefragt: Und das sind Flüchtlinge aus allerärmsten Ländern? Woher also all das? Reden wir doch endlich offen: Der Autor selbst sah einen Drogendeal aus allernächster Nähe in der 18er-Straßenbahn. So geht es nicht gut aus. Wir müssen umdenken. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 30.7.2002)