Wien - Sehr einladend schaut es am Hinterhof des Westbahnhofs nicht aus. Aber hierher, in den "Bahnhofssozialdienst" auf Stiege 7, kommen ohnehin Leute, die sonst nirgendwo mehr gern gesehene Gäste sind - Gestrandete, Obdachlose, Asylanten. Oder "Leute wie du und ich, denen es keiner ansieht", dass sie mittellos sind. Sozialarbeiter Günter deutet auf sein sauberes T-Shirt.Drei Sozialarbeiter kümmern sich um diese Menschen, die ohne Wohnung und Lebenspartner, meist auch ohne Geld und Dokumente hier am Westbahnhof landen - 24 Stunden täglich. Helferin Andrea weiß um die Notwendigkeit des Immerdaseins, wenn es Probleme gibt. Für die in den 70er-Jahren gegründete Bahnhofsmission (damals mit Suppenausspeisung) kommen Caritas und Stadt Wien gemeinsam auf. Auch bei der ÖBB hat man seit jeher "Eigeninteresse", diese Mission mit einem günstigen Pachtvertrag zu unterstützen: "Wir wollen nicht, dass die Leute am Bahnhof leben." Verständlich, das verträgt sich nicht mit den Wünschen der Reisekundschaft. Absiedelung 2003 Zur Zukunft der Bahnhofsmission ist nur eines klar: Sie wird geschlossen und als "Clearingstelle" in das neue städtische Sozialzentrum in der Pazmanitengasse in der Leopoldstadt integriert, wie seitens des Sozialamts (MA12) bestätigt wird. "Ich schätze, im nächsten Jahr ist es so weit", vermutet Caritas-Mitarbeiter Günter. Ob das Bahnhofsbüro weiterhin für Sozialdienste verwendet wird, weiß man derzeit weder bei der Caritas noch bei den ÖBB. Dabei ist das in der Szene bekannte und bei der Polizei geschätzte Büro auch seit einem Jahr "Clearingstelle". Das ist ja die Crux - zwei Stellen mit gleichen Aufgaben werden nicht finanziert. So wird künftig für Ankömmlinge mit Sozialproblemen nur noch im neuen Zentrum ihre Situation abgeklärt: ob Geld vorhanden ist, wie es um Jobchancen steht und wo sie kurzfristig ein Notbett ergattern können. Kurz, es wird der Versuch gemacht, diese Leute wieder zu stabilisieren. Diese ausgeübte "Clearingfunktion" hat den drei Bahnhof-Sozialarbeitern gleich doppelt so viel Kundschaft beschert im letzten Jahr. Pro Monat 1300 Kontakte. Täglich schauen mehr als 40 Hilfsbedürftige hier vorbei. Konflikte möglich Aus Erfahrung weiß Günter, warum so viele die versteckte Beratungsstelle hinter der Westbahnhofgarage aufsuchen: "Die meisten trauen sich nicht zuzugeben, dass sie mittellos sind. Viele schämen sich und schätzen die Anonymität hier." Dazu keine Anrainer weit und breit. Die könnten in der Pazmanitengasse zum Problem werden. Günter und Andreas fürchten Anrainerkonflikte in der Wohngegend, wenn verwahrlost wirkende Menschen dort auftauchen. Das könnte viele Gestrandete davon abhalten, um Hilfe zu fragen. (Andrea Waldbrunner/DER STANDARD, Printausgabe 01.08.2002)