San Francisco - Mit dem Abschied von Thomas Middelhoff als Bertelsmann-Chef hat die Musiktauschbörse Napster ihren besten Freund und Förderer im künftigen Mutterkonzern verloren. Branchenkenner bezweifeln, dass Napster ohne diese schützende Hand eine Zukunft hat."Das kann nicht gut ausgehen für Napster. Ein Szenario, in dem Middelhoff geht und Napster bleibt, ist kaum vorstellbar", sagt Peter Fader, Marketing-Professor an der Universität Pennsylvania. Bertelsmann war Ende Oktober 2000 bei Napster eingestiegen und hatte im Mai 2002 die vollständige Übernahme als eine der letzten Aktionen von Middelhoff angekündigt. Wegen Differenzen über die Strategie des weltweit fünftgrößten Medienkonzerns war Middelhoff am Sonntag vom Aufsichtsrat abgesetzt worden. Vor allem sein Expansionskurs in neue Geschäftsfelder wie Internet und Onlinemusik hatte die alte Garde des früheren Printkonzerns Bertelsmann verdrossen. "Aggressiver Typ" "Middelhoff war ein aggressiver Typ, der Risiken eingegangen ist und eine klare Vision verfolgte. Aber er konnte nicht zuhören", sagte Hilary Rosen, Vorsitzende des Verbandes der US-Musikbranche (RIAA). Im Juni hatte Middelhoff Überlegungen ins Spiel gebracht, Bertelsmann könne das Musikgeschäft mit der TV- Kompetenz der hauseigenen Sendergruppe RTL bündeln, um einen europäischen Musikkanal aufzubauen. Ohne Middelhoff könnte Napster, mit mehr als 100 Millionen Dollar verschuldet und in Gerichtsstreitigkeiten verwickelt, vor dem Ende stehen. "Es könnte der letzte Nagel für den Sarg sein", sagte ein Angestellter eines Internet-Musikunternehmens. Die Musikbörse, die Millionen von Nutzern angezogen hatte, war im Juli 2001 nach heftigen Protesten und Klagen in Milliardenhöhe von Musikkonzernen wie Warner Music, EMI Group oder Sony Music abgeschaltet worden. Der freie Tausch von Musiktiteln wurde als Verletzung von Urheberrechten angesehen. Gläubigerschutz Als Teil des Übernahmeplans von Bertelsmann hatte Napster im Juni Gläubigerschutz beantragt. Bertelsmann wollte Napster als Abodienst weiterführen. Dazu muss der Konzern entsprechende Rechte an den Titeln erwerben. Schon ohne diese Kosten hat Bertelsmann nach Schätzung bisher mindestens 80 Mio. Dollar in Napster gesteckt. "Napster hat aber nicht nur mit den Klagen zu kämpfen, sondern auch mit der Konkurrenz. Selbst wenn Bertelsmann Napster wiederbeleben kann, müssten sie ganz schön aufholen", sagte Tess Taylor, Präsident des Branchenverbandes NARIP. Kostenlose Tauschbörsen wie Kazaa, Morpheus und Audio Galaxy sind schwerer zu schließen als Napster, weil sie nicht zentral gesteuert werden. Daneben hat Bertelsmann über seine Musiksparte BMG zusammen mit EMI, AOL Time Warner und RealNetworks in den Onlinemusikdienst MusicNet investiert, der mit Pressplay von Sony und Universal Music konkurriert. Dabei halten Experten die Zukunft des ganzen Online- Musikgeschäfts für fraglich. "Das ist ein Umfeld, in dem solche Projekte gegen eine ganze Raubkopieindustrie ankämpfen", sagt Marketing-Professor Rosen. (Elinor Mills Abreu, Reuters, DER STANDARD, Printausgabe 31.7.2002)