London/Washington/Bagdad - Am Wochenende war es schon fast so weit: Bei einer Pressekonferenz sollte in London die Bildung einer provisorischen irakischen Regierung bekannt gegeben werden, und zwar vom - von den USA unterstützten - Irakischen Nationalkongress (INC) und einer relativ neuen Gruppe, der Irakischen Nationalbewegung (INM).Bevor sie noch die Reaktionen der übrigen irakischen Exilgruppen austesten konnten, gaben die Regierungsbildner aber schon auf: Man konnte sich nicht einmal einigen, ob eine Exilregierung zu diesem Zeitpunkt überhaupt sinnvoll ist oder nicht. Dazu kam - ein wichtiges Vorzeichen, worum es nach einem Sturz Saddam Husseins gehen wird - auch ein Föderalismus-Streit: Die nationalistische INM wollte den Kurden die Autonomie nicht versprechen. Was die wichtige schiitische Opposition und die zuletzt marginalisierten Kommunisten zu der Regierung gesagt hätten, ist ohnehin unbekannt. Irgendwie schaffen es die bis zu vier Millionen Exiliraker auf der Welt nicht, ihre Sache glaubhaft in die Hand zu nehmen. Nicht alle von ihnen sind vor Saddam geflüchtet, manchen ist das Leben erst unter den UNO-Sanktionen zu schwierig geworden - wirtschaftlich. Etliche haben ein zwiespältiges Verhältnis zum Regime, sie sind Gegner oder Anhänger, je nachdem, wer ihnen gegenübersitzt. Eine gute Portion Angst vor dem langen Arm des Regimes mag da auch mitspielen. Und diejenigen, die ihre Gehälter von der CIA beziehen, haben keinen guten Ruf zu Hause. Mitte Juli fand in London ein Oppositionstreffen statt, und am 9. August sollen die wichtigsten Exponenten nach Washington kommen oder wenigstens ihre Vertreter schicken. Dass die Prokriegskräfte in den USA die irakische Opposition nicht nur in die politische Planung einbinden wollen, sondern aus ihr auch eine militärische Kraft nach dem Muster der afghanischen Nordallianz machen wollen, wird von Experten eher mit Verwunderung zur Kenntnis genommen. Die Kurden im Nordirak haben Soldaten unter Waffen, und islamistische Milizen im Süden kontrollieren bei Nacht weite Gebiete, aber ob und wie das in eine amerikanische militärische Invasion integriert werden könnte, ist offen. Viele Widerstandsressourcen haben sich die Amerikaner durch ihr Verhalten nach dem Golfkrieg, als sie die aufständischen Schiiten und Kurden im Regen stehen ließen, selbst zerstört. Und ob gerade Figuren wie der umstrittene Ahmad Chalabi vom INC diese Kräfte im Irak wieder mobilisieren können, ist mehr als fraglich. Vor allem aber ist das straff durchorganisierte, technisch gut ausgestattete Regime von Saddam Hussein nicht mit den primitiven Taliban zu vergleichen. Auch die Haltung der Nachbarstaaten ist eine völlig andere als im Fall Afghanistan, wo die Nordallianz ihre Unterstützung aus der ganzen Region bezog.(Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 31.7.2002)