Schwerin/Wien - Ein kleines Zusatzprotokoll zur Organisation der deutsch-französischen Gymnasien, ein Abkommen zur Entwicklung eines Spionagesatelliten in für Rüstungsprojekte bescheidener Höhe von 800.000 Euro, ein paar offene Worte zum Streit über den Kurs der EU-Agrarpolitik: Recht viel mehr war am Dienstag beim Treffen zwischen dem deutschen Kanzler Gerhard Schröder und Frankreichs Staatschef Jacques Chirac nicht drin.Nach den deutschen Wahlen sieht man klarer, ließen Ministerberater in Paris schon vor den Regierungskonsultationen, einer halbjährlichen Pflichtübung, die im Elysée-Vertrag von 1963 festgeschrieben worden war, verstehen. Möglicherweise sieht man dann auch jemanden anderen - Edmund Stoiber eben, den bayerischen Ministerpräsidenten und Kanzlerkandidaten der Union. Ob der viel bemühte "deutsch-französische Motor" dann wieder anspringt? Die Beziehungen zu Paris würden wieder zu einem "zentralen Element der deutschen Politik", versprach Wolfgang Schäuble, "Außenminister" in Stoibers Wahlkampfteam, in einem Interview mit der Tageszeitung Le Monde. Dabei verhielt es sich mit den deutsch-französischen Beziehungen bisher so: Staatschefs und Kanzler verschiedener politischer Couleur verstanden sich, Partner aus ähnlichen politischen Lagern stritten sich. Giscard d'Estaing und Helmut Schmidt saßen auf dem deutsch-französischen Tandem, Schmidt und François Mitterrand konnten sich nicht leiden, Mitterrand und Helmut Kohl brachten den "Motor" in Fahrt, unter Chirac und Kohl erlahmte er wieder. Gegensätze zogen sich an, und die persönliche "Chemie" stimmte entsprechend. Doch es gibt auch einen anderen Mechanismus. Frankreich und die Bundesrepublik brachten über Jahrzehnte hindurch die europäische Einigung voran, weil beide unausgesprochen verschiedene Interessen verfolgten: Paris wollte nach dem Krieg die "unberechenbaren Deutschen" einbinden, Bonn Souveränität zurückgewinnen. Noch in Maastricht funktionierte der deutsch-französische Kuhhandel: deutsche Einheit gegen europäische Währungsunion. Mit Gerhard Schröder aber und seiner Idee von einem "Deutschland ohne Komplexe" trat eine neue Generation an. Schröder und Chirac stritten über die Reform der Agrarpolitik (Berlin 1999), die Stimmengewichtung im Ministerrat (Nizza 2000) und Rückgabe von Kompetenzen bei der Strukturpolitik. Die will der Föderalist Stoiber erst recht.(DER STANDARD, Printausgabe, 31.7.2002)