Wien - "Also das würde ich als Blamage bezeichnen." Barbara Neubauer, stellvertretende Leiterin des Bundesdenkmalamts in Wien mag sich gar nicht vorstellen, was es für die Innere Stadt bedeuten könnte, nicht mehr als Weltkulturerbe zu gelten. Das Bundesdenkmalamt war beim im Juni 2000 abgegebenen Antrag an die Unesco, Wien in die Weltkulturerbeliste aufzunehmen, involviert. Schon im Mai davor beschloss der Gemeinderat das geplante Bauprojekt mit den knapp hundert Meter hohen Türmen in Wien-Mitte. Mittlerweile liegen auch alle Genehmigungen für den Baustart Ende des Jahres vor. Angesichts der Diskussion um das umstrittene Projekt wird bei der Unesco überlegt, das Gütesiegel des Kulturerbes wieder abzuerkennen. Denkmalamt warnt Nun, klingt es von Neubauer bedauernd, "können wir nur laut unsere Bedenken äußern." Es gebe keine gesetzliche Handhabe für Denkmalschützer, um negative Auswirkungen des geplanten Geschäftszentrums zu verhindern. "Denkmalschutz ist das eine", der werde sowieso verfolgt, "Weltkulturerbe das andere." Das ist Unesco-Sache. Knapp 750 Bauten, Denkmälern, Landschaften weltweit befinden sich auf der Liste schützenswerter Kulturgüter. Noch nie hat die Teilorganisation der Vereinten Nationen in ihrer 30-jährigen Geschichte ein Weltkulturerbe- Prädikat aberkannt. "Wenn das erste Wien wäre, wäre das blamabel". Hans Horcicka, Leiter der Abteilung Denkmalschutz im Wissenschaftsministerium, sieht auch die Schmach drohen. Wien als Exempel Er ist wenig optimistisch, was die Kompromissbereitschaft der Unesco-Kommission anlangt: "Sie werden ein Exempel statuieren." Horcicka hat große Erfahrung im Umgang mit jener Kommission, die die Anträge für Weltkulturerbe prüft und entscheidet: Er hat alle österreichischen Anträge verhandelt. Neben Wien sind auch die Innenstädte von Graz und Salzburg geschützt, die Wachau, die Hallstatt-Region, die Schlossanlage in Schönbrunn und die Semmering-Bahn. Es werde viel davon abhängen, was Wien in den von der Unesco verlangten Bericht zur Lage in Wien-Mitte schreibt. Seitens der österreichischen Unesco-Kommission gibt sich Bettina Rossbacher vorsichtig: "Es ist eine Sache, bei der sich die Unesco nicht so leicht zufrieden stellen lässt." Die Auswirkungen der Debatte in der Pariser Zentrale seien nicht abschätzbar. (Andrea Waldbrunner/ DER STANDARD, Printausgabe, 31.7.2002)