In der Türkei mehren sich die Zeichen, dass die USA bereits dabei sind, konkrete militärische Vorbereitungen für einen Angriff auf den Irak zu treffen. Jüngstes Indiz ist eine Meldung der größten türkischen Tageszeitung Hürriyet am gestrigen Mittwoch. Seit letztem Freitag, so das Blatt, ist eine Gruppe amerikanischer Militärspezialisten im Land, die die Stationierung von Patriot-Abwehrraketen vorbereitet. Die 15-köpfige Gruppe solle untersuchen, welche Städte und Industrieanlagen neben den militärischen Objekten im Südosten des Landes gegen mögliche irakische Raketenangriffe geschützt werden sollen. Im letzten Golfkrieg hatte Iraks Präsident Saddam Hussein sowohl Israel als auch Saudi-Arabien mit Scud- Raketen angreifen lassen. Damals war bereits diskutiert worden, amerikanische Patriot-Stellungen aus Deutschland in die Türkei zu verlegen. Alles andere als Routine in Ankara Das türkische Außenministerium wollte gestern den Zeitungsbericht so nicht bestätigen, sondern sprach von einer Nato-Delegation, die routinemäßig im Land sei. Tatsächlich jedoch herrscht in Ankara alles andere als Routine. Bereits am Dienstag häuften sich Irak-Konferenzen in einer Dichte, dass einige Beobachter bereits an eine unmittelbar bevorstehende Operation glaubten. Hektische Treffen

Zweimal erschien US-Botschafter Robert Pearson im Außenministerium, worauf jeweils Außenminister Sükrü Sina Gürel, Ministerpräsident Bülent Ecevit und Generalstabschef Hüseyin Kivrikoglu zu hektischen Treffen zusammen kamen. Das Ganze mündete in einer Visite von Ministerpräsident und Generalstabschef bei Präsident Ahmet Necdet Sezer. Am Abend erklärte Ecevit dann vor laufenden Kameras, man treffe Vorsorge für einen möglichen Krieg gegen den Irak. In einem Interview mit Sabah meinte er andererseits, man werde weiter versuchen, die USA von ihrem Vorhaben abzubringen. Bereits Ende letzter Woche hatte der Nationale Sicherheitsrat, das entscheidende Gremium in der türkischen Politik, erstmals nach einer langen Sitzung erklärt, man sei bereit, einen US-Angriff auf den Irak bedingt zu unterstützen, um damit möglichst Schaden von der Türkei abzuwenden. Bei einem unmittelbar vorangegangenen Besuch hatte der stellvertretende US-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz nach dem Motto seines Präsidenten "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns" eine Entscheidung in Ankara verlangt. Flüchtlinge abhalten

Angeblich soll das türkische Militär nun bereit sein, neben logistischer Unterstützung für die USA mit eigenen Truppen bis zu einer bestimmten Linie in den Nordirak einzumarschieren, um dort eine Pufferzone zu bilden. Mit dieser Pufferzone, über deren Ausmaß es bislang nur Spekulationen gibt, verfolgt die Türkei mehrere Ziele. Einmal soll dem amerikanischen Versprechen, keinen kurdischen Staat im Nordirak zuzulassen, Nachdruck verliehen werden, zum anderen wolle die Militärs innerhalb dieser Zone Schutzgebiete für Flüchtlinge einrichten, damit diese - anders als 1991 - erst gar nicht bis in die Türkei kommen. Trotz aller Hektik in Ankara ist das türkische Militär jedoch zumindest seinen routinemäßigen Abläufen treu geblieben. Trotz anders lautender Spekulationen im Vorfeld, trat Generalstabschef Kivrikoglu gestern termingerecht sein Amt an den designierten Nachfolger, den bisherigen Chef des Heeres, Hilmi Özkök, ab. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.8.2002)