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Eigentlich hätte die Tochter ihren Sommer-Sonne-Strand-Bericht aus Griechenland heuer per Videoclip statt mit Postkarte schicken sollen - wenn man der geballten Werbung, Präsentationen und Abertausenden Berichten der Handyindustrie in den letzten Jahren Glauben geschenkt hätte. Von der Verspätung ihres Ferienfliegers bei der Rückkehr hätten die Oldies am Bildschirm ihres Handys erfahren sollen, und die Wartezeit am Flughafen wäre mit Videokurznachrichten mühelos zu überbrücken gewesen. Für so viel multimediale Kommunikation sollte die "dritte Generation (3G)" des Mobilfunks alias UMTS (Universales Mobiles Telekommunikations-System), sorgen. Stattdessen kam nur eine kurze Textnachricht ("Alles super!"), während die Wartezeit am Flughafen mit den letzten Schlagzeilen vom Rückzug großer Telefonfirmen aus dem UMTS-Markt verging. Kapitulation Vergangene Woche erklärten die spanische Telefónica und die finnische Sonera (ein Pionier beim Aufbau innovativer GSM-Dienste) das Aus für den gemeinsamen UMTS-Aufbau in Österreich, Deutschland, Italien und der Schweiz. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist diese Kapitulation vor einer Technik, in die europaweit über 150 Mrd. Euro alleine an Lizenzen investiert wurden, nur der Startschuss für einen Rückzug weiterer Unternehmen. UMTS durch die Hintertür Statt mit lautem Pomp einen stagnierenden Markt aufzuwecken, der einst mit 50-prozentigen Zuwachsraten protzte, wird UMTS mehr durch die Hintertür hereinkommen. Der heimische Marktführer Mobilkom hält zwar an seinem Starttermin "im Herbst 2002" fest (mit 25 Prozent Abdeckung), sagt Marketingvorstand Hannes Ametsreiter gegenüber dem S TANDARD , aber man dürfe "nicht zu viel versprechen. UMTS ist keine Revolution, sondern eine Evolution" vorhandener Dienste. Ähnlich sanft tönt es inzwischen beim Konkurrenten One: "Mit UMTS geht kein Ruck durch die Welt, sondern die Dienste werden etwas schneller, etwas komfortabler werden und nicht schlagartig anders", sagt One-Sprecher Michael Sprinzl. Für die neue Bescheidenheit gibt es mehrere gute Gründe. Hersteller wie Netzbetreiber sind wegen hoher bisheriger Investitionskosten und zusammengebrochener Kapitalmärkte finanziell ausgepowert. Angehäufte Schulden in dreistelliger Euro-Milliarden-Höhe zu reduzieren hat inzwischen Priorität, da davon das Überleben abhängt - Worldcom, KPNQwest und andere spektakuläre Telekom- pleiten lassen grüßen. Lieferanten unter Druck Das trifft in der Folge die Lieferanten, wie den schwedischen Ericsson-Konzern. Dem einstigen Platzhirsch lief zuerst Nokia bei Endgeräten den Rang ab, jetzt fehlen die Aufträge für Netzwerke, und Schulden können kaum noch bedient werden - in der Ferne droht die Übernahme. Anders als Hersteller und Betreiber dem Publikum weismachen wollen, ist die UMTS-Technik alles andere als fertig. Die Netze selbst stecken in den Kinderschuhen, der Wechsel zwischen unterschiedlichen Netzen ist kaum möglich, und es gibt keine Endgeräte zur Benutzung. Konsumenten kommen hingegen mit dem atemlosen Neuerungstempo kaum mehr mit. Sieht man es vereinfacht, werden Handys weiterhin nur für zwei Dinge verwendet: Naturgemäß zum Telefonieren (Wachstum ausgeschöpft), und für SMS, die Textnachrichten, die inzwischen für rund 14 Prozent des Einkommens sorgen. Die SMS-Erfolgsstory ist übrigens der Trost, den sich die Branche gerne spendet: Technisch von Anfang (1991) an möglich, ist das Tippseln erst in den vergangenen fünf Jahren ein Renner geworden. Hohe Entwicklungskosten, geringe Erträge Hunderte andere Möglichkeiten, das Handy zu verwenden (von der Banküberweisung bis zum Location Based Service, das z. B. nahe liegende Restaurants verrät), sind de facto Randerscheinungen mit hohen Entwicklungskosten und geringen Erträgen.

Also braucht die Handyindustrie eine neue "Killer-Anwendung", die viele Millionen zum Benutzen und Zahlen bewegt. Mit Schnappschüssen von Handy zu Handy (MMS, Multimedia Messaging) glaubt man, den neuen Geldesel gefunden zu haben. "MMS kann ein großer Erfolg werden, das ist schon jetzt zu merken", sagt Ametsreiter von der Mobilkom, die im Juni MMS auf den Markt brachte.

Das schnelle Bild, mit eingebauter Kamera geschossen, soll für den sanften Übergang zur neuen Handywelt sorgen. Benutzer lernen so relativ einfach, dass ihr Handy mehr kann - Bilder, später Videos, oder E-Mail empfangen und senden; ein solches Bild kann auch eine Karte sein, um sich an fremden Orten zurechtzufinden. All das kann schon jetzt, auf Basis des vorhandenen GSM-Netzes, entdeckt werden - vorausgesetzt, Sie entdecken eines der neuen Wunderhandys. Denn die sind einstweilen Mangelware. (Helmut Spudich, DER STANDARD, Printausgabe 1.8.2002)