Salzburg - Es gehört zu den Paradoxien des neuen künstlerischen Festspielleiters, dass er bei Amtsantritt gerade jene Programmleiste unsanft aus Salzburg verabschiedete, welcher er durch seinen zweiten Hauptberuf (Komponist) eigentlich sympathievoll verpflichtet hätte sein müssen. Zeitfluss , einst spannendes Salzburger Aushängeschild des Zeitgenössisch-Überraschenden, wurde gegangen und landete in Wien, wo es sich nun Zeitzone nennt. Adäquaten Ersatz hat Peter Ruzicka in diesem seinen ersten Salzburg-Sommer noch nicht zustande gebracht; darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass er den kleinen Modernezyklus Austria Today symbolhaft aufwertend zur Chefsache erklärte, indem er an dessen Beginn selbst das Komponistengespräch mit Georg Friedrich Haas führte, den "wir gleichsam aus Berlin kurzfristig haben einfliegen lassen". Minipersonale Die weitestgehend uraufführungsfreien fünf Mozarteum-Konzerte mit Werken von Olga Neuwirth, Clemens Gadenstätter, Beat Furrer, Wolfgang Suppan und einigen anderen (wie auch die kleine Lachenmann-Personale um Das Mädchen mit den Schwefelhölzern ) sind natürlich besser als gar nichts. Es macht durchaus Sinn, Werke, die nach ihrer Uraufführung zumeist zurück in den Schubladenkosmos wandern, wieder aufzuführen. Das Licht der Öffentlichkeit wärmt. Üppig nimmt sich die dünne Programmschiene freilich nicht aus. Ruzicka ist sich dessen offenbar auch bewusst, er nennt dem S TANDARD gegenüber finanzielle Gründe dafür, dass er sein Modernevorhaben, welches unter dem Titel Salzburger Passagen firmieren soll, in diesem Jahr nicht umzusetzen vermochte. Man wird sehen, ob das nächstjährige "große Projekt" (Programmheft), das sich auch mit Skrjabin und Stockhausen dem Verhältnis von Musik, Farbe und Duft annähern will, dort ankommen wird, wo Zeitfluss schon war. Nackte Klänge Symbolhaft für die Beiläufigkeit des aktuellen Zyklus darf auch wirken, dass das Stück mit dem Titel in vain , im Programmheft als Inbegriff des Klang-Licht-Spiels gepriesen, im Mozarteum dann als unfreiwillig absolute, also sich selbst genügende Musik erscheinen muss.

Seiner Lichtkleider beraubt, kann das Werk indes akustisch durchaus strahlen. Haas setzt auf suggestive Klanglichkeit; in vain wirkt mit seinen fließenden, langen Tönen und Skalenwellen wie ein Orchestermantra, das deftige Bläserstöße auslöst. Mit Pausen, Beschleunigung und Verlangsamung durchbricht Haas dieses flirrende, surrende mikrotonale Dahinfließen, lässt es später zu einem breiten Klangstrom wachsen und legt mit Gongs zum Schluss hin eine gewisse Üppigkeit an den Tag, die das Österreichische Ensemble für Neue Musik unter Johannes Kalitzke solide transportiert.

Am Donnerstag geht der Austria Today -Zyklus mit Werken von Haas, Furrer, Schurig und Essl weiter. Nach dem ziemlich leeren Mozarteum zu urteilen, gibt es zumindest für ihn noch reichlich Karten. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.8.2002)