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Foto: APA/Eggenberger
Wie war das noch gleich mit Ewald Stadlers Vergleich der "Tyrannei" der Besatzungsmächte mit jener des NS-Regimes? Ist seit ein paar Tagen vergessen, überlagert von der nächsten Aufregung. Was ist schon so eine Feuerrede eines Volksanwalts gegen eine mögliche Zusammenarbeit der FPÖ mit dem Vlaams Blok? Eben. Nur damit es nicht vergessen wird: Gerade als der Wirbel um den Vlaams Blok aufkochte, gab es eine Aussendung Jörg Haiders, in der er schrieb, "dass der FPÖ-Volksanwalt Ewald Stadler Recht hat mit der Behauptung, dass Österreich erst 1955 wirklich frei wurde und auch in der Zeit der russischen Besatzung, vor allem in Österreich Tausende Frauen vergewaltigt, Menschen verschleppt und ermordet wurden". Keine weitere Aufregung. Stadlers und Haiders Geschichtsbild decken sich. Niemand wird sich beim nächsten Mal daran stoßen. Die Vorgangsweise hat Methode: Es wird jeweils eine neue Reizschwelle für die Aufgeregtheit über die Vorgänge im freiheitlichen Lager eingezogen - kaum ist sie überschritten, werden die bis dahin als aufregend geltenden Themen so weit wie möglich zum Common Sense erklärt. Und dann dauert es nicht mehr lange, bis sie es in weiten Kreisen auch wirklich sind. Weil sie eben nicht mehr aufzuregen vermögen. Aufregend, das war in den letzten paar Tagen vor allem der Vlaams Blok. Eine Partei, von der man hierzulande nur weiß, dass sie gegen Einwanderung ist - was sie mit vielen anderen nicht unbedingt als rechtspopulistisch oder gar rechtsextrem zu qualifizierenden Parteien gemeinsam hat. Dazu werden seit Tagen im ORF die immer gleichen Bilder eines Fackelzuges gezeigt - optisch nicht viel abschreckender als ein Fackelzug der Pfadfinder oder der Sozialistischen Jugend. Gibt's nicht mehr zu zeigen? Oder zu sagen? Schon, aber das wäre kompliziert - und würde vielleicht gar bei dem einen oder anderen zusätzliche Sympathien für die Partei wecken, die für die Unabhängigkeit der Flamen (was hierzulande wenige kratzen dürfte) und gegen Wirtschaftsflüchtlinge und Drogenhandel (was hierzulande gewisse Popularität hat) eintritt. Aber die Sache mit dem Vlaams Blok überdeckt ja noch mehr: Bei den Treffen, die Andreas Mölzer mit Rechtspopulisten aus anderen Ländern arrangiert hat, sind ja nicht nur Vertreter des Vlaams Blok. Sondern etwa auch der Lega Nord des Umberto Bossi - die gilt schon fast als politisch korrekt. Im Wechselspiel zwischen der staatstragend-vorsichtigen Vizekanzlerin und dem offensiv-populistischen Landeshauptmann hat die Lega Nord bereits beidseitige Akzeptanz gefunden. Vergessen die Zeit, als es schlagzeilenträchtige Aufregung und Distanzierungsaufforderungen gegeben hat, wenn Haider nach "Padanien" zu Bossi gereist ist? Das also ist schon Normalität. Will sich da noch jemand in Details verbeißen? Oder andere Kandidaten für eine Zusammenarbeit auf europäischer Ebene abklopfen? So nach dem Muster: Jean Marie Le Pen nicht - aber warum nicht der Abspalter Bruno Megret (der Mölzer näher steht), der ist doch nicht ganz so arg? Nein, solche Feinheiten stehen nicht auf der Tagesordnung, jetzt gibt es Aufregung um den Vlaams Blok. Das heißt: Die Aufregung um den Vlaams Blok war bis Mittwoch das Hauptthema. Inzwischen hat Jörg Haider wieder einmal ein Interview unter dem Motto "Die Partei hat mich zu wenig lieb" gegeben - und damit die üblichen Spekulationen ausgelöst. Innerhalb der Freiheitlichen, ob denn die "Bewegung" ohne "den Jörg" überhaupt tragfähig wäre. Und außerhalb, ob denn ein Comeback Haiders bevorstünde, ob es wünschenswert oder verhinderbar wäre. Wenn sich keiner mehr über die aktuellen Differenzen zwischen Haider und Riess-Passer aufregt, dann wird womöglich der Vlaams Blok als eine mehr oder weniger aktzeptierte politische Kraft gelten. Und Haider wieder ein bisschen Normalität nach seinem Muster geschaffen haben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1. August 2002)