SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Andrea Kuntzl im Interview mit die Standard.at-Redakteurin Pia Feichtenschlager über Ist-und Sollzustand der Frauenpolitik. dieStandard.at: In einem aktuellen Parteienranking im Magazin "News" (25.Juli) führt die SPÖ in Sachen "Chancengleichheit für Frauen". Die ÖsterreicherInnen scheinen mit der FPÖ/ÖVP-Frauenpolitik weniger zufrieden. Andrea Kuntzl: Mein Eindruck ist, dass die Frauen wissen, was in den letzten 20 Jahren frauenpolitisch passiert ist und dass die SPÖ immer Motor dafür war. Vor allem auf der Bewußtseinsebene aber auch auf der Gleichstellungsebene ist viel passiert, wobei wir immer gewußt haben, dass wir das tatsächliche Ziel der Gleichstellung noch nicht erreicht haben. Es stellt sich jedoch die Frage: Geht man den Weg weiter, oder macht man eine Kehrtumwendung, wie sie im Moment passiert. Die SPÖ steht für eine Frauenpolitik, die auf dem Prinzip der Eigenständigkeit von Frauen basiert, während die jetzigen Regierungsparteien so etwas wie "die neue Häuslichkeit" einführen wollen. Aber da machen die Frauen nicht mit. dieStandard.at: Sie haben diese Woche erneut die "Frauen an den Herd"-Politik der Regierungsparteien kritisiert und eine "Erhöhung der Frauenerwerbsquote" gefordert. Andrea Kuntzl: Die Regierung versucht sich mit dem Kindergeld aus der Verantwortung gegenüber den Frauen loszukaufen. Natürlich kann jede gut Geld gebrauchen, aber diese Rückentwicklung hin zur "neuen Häuslichkeit" wollen die Frauen nicht in dem Ausmaß, wie von der Regierung vorgesehen. Das Ziel der meisten jungen Frauen ist, auf eigenen Beinen zu stehen. Da ist wichtig, schon für die Mädchen richtige Voraussetzungen zu schaffen und ihnen eine gute Ausbildung zu ermöglichen, um dann auch tatsächlich Chancen im Berufsleben zu haben. Wir haben vor einigen Wochen ein frauenpolitisches Sofortprogramm (siehe Kasten) ausgearbeitet, welches 10 Punkte enthält, die, wenn die SPÖ wieder in Regierungsverantwortung steht, unmittelbar angegangen werden. Sozusagen ein Comeback-Programm für Frauenpolitik. Diese Maßnahmen sind alle in Zusammenhang damit zu sehen, wie man den Frauen bessere Chancen im Berufsleben bieten kann, die Frauenerwerbstätigkeitsquote steigern kann. Frauen wollen die Option auf Beruf und Kind. Kindergeld alleine reicht nicht aus. Frauen sind auf die entsprechende Infrastruktur angewiesen: Es fehlen in Österreich 100.000 Kinderbetreuungsplätze und es werden keinerlei Initiativen gesetzt um diesen Bedarf zu decken. Vor allem Frauen im westlichen Österreich wissen nicht wo sie ihre Kinder gut versorgt unterbringen können. Frauen müssen während der Babypause die Möglichkeit haben, an innerbetrieblichen Weiterbildungsmaßnahmen teilzunehmen um den Anschluss nicht zu verlieren. Wichtig wäre auch das Recht auf Teilzeitarbeit bis zum Schuleintritt des Kindes. dieStandard.at: Solange die Kinderbetreuung ein "Frauenthema" ist und kein "Familienthema" oder "Vaterthema" wird, werden die Frauen keine Befreiung aus der Doppelbelastung/Entscheidung "Kind/Karriere" finden. Wann werden endlich die Väter in Verantwortung genommen und nicht mehr nur in der Rolle des Samenspenders und Ernährers gelassen? Andrea Kuntzl: Hier muss der Hebel auf mehreren Ebenen angesetzt werden: Das Erste ist die Bewußtseinsebene, wo meine Beobachtung ist, dass sich in den letzten Jahren viel weiter entwickelt hat. Jüngere Männer, die jetzt Väter werden, versuchen sich mehr um das Kind zu kümmern. Von einer völligen Gleichwertigkeit kann aber noch immer nicht geredet werden, da ist der Weg noch weit. Da muss nachgeholfen werden. Eine Maßnahme z.B: wäre, die Babypause mit Kindergeld nicht nur in den ersten drei Jahren in Anspruch nehmen zu können, sondern es bis zum Schuleintritt des Kindes flexibel aufzuteilen. Die Frauen hätten eine kürzere Berufspause und Väter wären eher bereit, in der Zeit des Schuleintritts eine Auszeit zu nehmen, um das Kind in dieser Phase zu unterstützen. Dies wäre ein Weg, die Männer mehr in Verantwortung zu nehmen. dieStandard.at: Sie sind persönlich ja selbst als Mutter und Politikerin in dieser Frage viel mehr gefordert als ihre Kollegen. Bei Männern in der Politik stellt sich die Frage ja gar nicht/wird nicht gestellt, wie sich Kinder und dieser stressige Beruf vereinbaren lassen. Während bei einer Frau sich immer gleich in der Köpfen die Frage formiert: "Wie schafft die das?" Andrea Kuntzl: Ich schaffe diesen Job mit Kind nur, weil ich einen Mann habe, der sehr viel übernimmt. Das funktioniert deshalb, weil wir beide sehr an unserem Kind hängen. Was auch stimmt, ist, dass ich seit ich ein Kind habe, stärker Prioritäten setze und wenn nötig Abgrenzungen mache für das Kind. Dieser Job erfordert natürlich auch sehr viel Einsatz am Abend und am Wochenende, aber wenn ich andere Berufe beobachte – vor allem in klassischen Frauenberufen, der Krankenpflege oder um Fremdenverkehr, da gibt es viele Bereiche, wo es die Frauen mindestens so schwierig haben wie ich. Für mich ist die Frage von Vereinbarkeit von Beruf und Familie kein abstraktes Thema, sondern etwas, wo ich den Frauen genau nachempfinden kann, in welcher Lebenssituation sie stecken und darum auch ein besonderes Augenmerk darauf habe. Wobei ich nie aus den Augen verliere, dass es um beides geht: Beruf und Kind. dieStandard.at: Bildung ist ein wesentlicher Schlüssel für die Entscheidung Beruf/Karriere/Kind. Für die SPÖ war kostenlose Bildung für alle immer sehr wichtig. Mit der Einführung der Studiengebühren wurde von der Regierung eine Werteumkehr vollzogen – Bildung muss mensch sich nun leisten können/wollen. Aus studentischer Sicht haben die Studierenden nun das Problem der finanziellen Belastung, aber in vielen Bereichen keine Verbesserung im Uni-Betrieb erhalten, von denen sie auch profitieren – und schneller studieren – könnten. Andrea Kuntzl: Ich lehne Studiengebühren grundsätzlich ab. Sie sind aus meiner Sicht der erste Schritt in Richtung Zwei-Klassen-System im Bereich der Bildung. Mit den Studiengebühren kommen wir wieder in die Situation, in der Frauen/Töchter nicht mehr die gleichen Chancen haben einen Ausbildungsweg zu gehen. Wir haben uns daringehend festgelegt: Wenn die SPÖ wieder Regierungsverantwortung trägt, werden die Studiengebühren abgeschafft. dieStandard.at: Im Bereich der Chancengleichheit bilden die Universitäten in Österreich generell kein gutes Vorzeigebeispiel: Obwohl mehr als 50 Prozent der Ersteinschreibungen Studentinnen sind, haben Frauen weiterhin kaum Chancen auf Assistentinnenstellen (70 Prozent männlich) oder Professuren (über 90 Prozent männlich besetzt). Andrea Kuntzl: Hier hat leider die Politik aufgehört, spezielle Frauenförderungen an den Hochschulen zu setzen. An den Hochschulen ist die gläserne Decke besonders dick. Casper Einem hat ja damals als Wissenschaftsminister Schritte zur Frauenförderung gesetzt: z.B. Bei Dreiervorschlägen für Professuren – bei gleicher Qualifikation - Frauen den Vortritt zu lassen, um ihnen eine Chance zu geben, sich beweisen zu können. Solche Schritte fehlen heute. dieStandard.at: Die Aufweichung von traditionellen Rollenbildern scheint generell nach wie vor sehr schwierig. Noch immer wählen 75 Prozent der Frauen und Männer stereotype Ausbildungswege. Andrea Kuntzl: Es wäre wichtig, die jungen Leute in den Schulen besser über Beruf und Ausbildungsmöglichkeiten zu informieren. Bereits in der Mittelstufe müsste stärker angesetzt werden, um alle jugendlichen über Chancen zu informieren, da sich ja beide Geschlechter für traditionelle Bereiche entscheiden. Hier hat die Schule eine große Beratungsaufgabe: Der Lehrer als Bildungs-Coach, der vor allem Mädchen ermutigen soll, sich mehr zuzutrauen. dieStandard.at: Zum Thema "traditionelle Rollenzuschreibung": Als einzige große Kampagne zur Bewußtseinsänderung fällt mir Helga Konrads "Ganze Männer machen halbe/halbe" aus dem Jahre 1996 ein. Die wurde ja vor allem von Männern oft belächelt und als wenig motivierend wahrgenommen. Andrea Kuntzl: Ich habe diese Kampagne ja wunderbar gefunden. Vor allem weil sie so provokant war. Weil überall die Kampagne und das Thema diskutiert wurde. Es ist gelungen mit dem Thema in die Freundeskreise und Familien hineinzugehen. Ohne Provokation wird man nichts verändern können. Ich denke, dass man in dieser Richtung wieder was machen sollte. Wenn Sie sich heute ansehen, wofür Regierungskampagnen gemacht werden, z.B. die jetzige Kampagne der Bundesministerin Gehrer – in Millionen-Euro-Höhe – um einerseits Selbstbeweihräucherung zu machen, die Mitglieder der Bundesregierung zu promoten und bittere Maßnahmen wie das Nulldefizit der Bevölkerung schmackhaft zu machen. Wohin man wieder zurückkehren sollte, und was ich als Ziel sehe: Das Geld, das für Öffentlichkeitsarbeit da ist, einzusetzen, um Bewußtseinsprozesse, gesellschaftliche Diskussionsprozesse in Gang zu setzen. Wir haben im Moment als Oppositionspartei nicht die Möglichkeit für solche Kampagnen, das ist eben das Privileg der Regierungsparteien. Leider wird das Geld meiner Meinung nach im Moment nicht sinnvoll eingesetzt. dieStandard.at: Im Bereich der Opferhaltung von Frauen hat sich ja einiges bewegt. Interventionsstellen registrieren immer mehr Anfragen auf Hilfe, sehen einen Fortschritt in der Gegenwehr gegen familiäre Gewalt. Die "Frauenhelpline gegen Männergewalt" kritisiert jedoch fehlende Opferrechte und forderte jüngst eine Verbesserung dieser. Andrea Kuntzl: Grundsätzlich ist es so, dass mit dem Gewaltschutzgesetz – z.B. mit dem Wegweisungsrecht, ein europaweit vorbildlicher Schritt gesetzt wurde. Dieses Mittel wird jetzt von Frauen verstärkt in Anspruch genommen, im städtischen Bereich mehr als im ländlichen Bereich. Richtigerweise müßte jetzt im Bereich des Gewaltschutzes der nächste Schritt gesetzt werden. Immer wenn ein Gewaltverbrechen passiert, ist die Aufregung: Was passiert mit dem Täter?! Die Regierungsparteien beschränken sich vor allem darauf, nach höheren Strafen zu rufen, aber niemand schaut auf das Opfer. Wie kann man ein Opfer nach einer Gewalttat besser schützen? Wie kann man im Gericht Maßnahmen ergreifen um die Belastung für das Opfer gering zu halten? Usw. Auch wir fordern vom Justizminister weitere Schritte.