Salzburg - Wenn man in der Konzertpause vor dem Großen Festspielhaus herumsteht, begegnet man dem Künstler gleich wieder. Holdselig lächelt Cellist Mischa Maisky von einem Plakat herunter, das in einer Fensterscheibe der Universitätsbibliothek für seine Einspielungen wirbt. Er ist nicht allein. Die Deutsche Grammophon, Klassikkind von Universal, hat in den Fenstern gegenüber dem Festspielhaus eine Art Galerie ihrer Künstler eingerichtet. Nach jahrelanger Pause zeigt sie wieder etwas Präsenz in harten CD-Zeiten - sogar ein Büro hat sie wieder für den Salzburger Sommer eröffnet. Wie auch die EMI. Die anderen Großen, Sony, Warner und BMG glänzen durch Abwesenheit. Die DG handelt antizyklisch. Zu Mortiers Zeiten als ungebetener, mächtiger Feind definiert, der zu Lebzeiten Karajans auch Besetzungen diktierte, ist die Branche nun vom neuen Chef Peter Ruzicka wieder eingeladen worden zu kommen. Nur, die Zeiten haben sich geändert. Von Macht kann keine Rede mehr sein; Repräsentation ist längst nicht mehr so wichtig. Auch nicht in Salzburg. In den Köpfen der Manager schwirren eher Fragen, wie man sich vor der durchs Internet ausgelösten CD-Brennerei schützen kann und wie man durch Marketing die Klassik am Leben erhält. Da der typische Klassikkäufer statistisch gesehen ein Senior ist, versucht man juveniles Publikum mit Wunschkonzert-CDs in der Art von Classic Beauties oder Sweet Daydreams anzulocken. Auch Künstler, die sich eines Exklusivertrags rühmen können, werden weniger. Maisky kann sich da glücklich schätzen, er wird von der DG umsorgt - beim Label-Empfang nach der Zauberflöten- Premiere ist er zugegen. Und damit auch wohl dankbar. Wie auch Anna Netrebko, die überraschende Donna Anna der Giovanni -Premiere. Auch sie hat bei der DG unterschrieben. Das CD-Glück ist Maisky beim Konzert jedoch nicht anzumerken. Nervös wischt er Schweißtropfen von seinem Instrument, wirkt fahrig und beim Verbeugen eher zerknirscht. Kein guter Tag. Maisky ist ein Überdruckkünstler, der ganzkörperlich an die Töne herangeht. Klang wird am Altar der Intensität geopfert. Diesmal aber wohl mehr, als Maisky lieb ist. Da klingen Beethovens Zauberflöte -Variationen wie Chopin, nur bei Schostakowitschs Sonate Op. 40 legt sich kurz das nervöse Vibrato. Im Grunde ein Abend der romantischen Übertreibung, der Cello-Flucht nach vorne. Eigentlich hätte Pianistin Martha Argerich da sein sollen, doch sie erkrankte. An Duopartner Sergio Tiempo kann es nicht gelegen haben, dass Maisky so indisponiert agierte. Man kennt einander schließlich vom CD-Studio. Tiempo ist auch ein versierter Pianist mit märchenhaft zartem Anschlag. Maisky würdigte ihn beim gemeinsamen Verbeugen keines Blickes. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.8.2002)