Wien - In der europäischen Bestenliste 2002 liegt Karin Mayr mit ihrer 200-m-Zeit von 22,70 Sekunden an der zweiten Stelle. Schneller lief heuer im Freien bisher nur die Französin Muriel Hurtis (22,51), und die war auch schon bei der Wiener Hallen-EM flinker. Hurtis gewann Gold, Mayr Silber. "Seit damals", sagt die Niederösterreicherin, die seit geraumer Zeit in Wien lebt, "ist es mir schon ein paar Mal passiert, dass mich Leute in der U-Bahn angesprochen haben." Und wie zum Beweis sprach einen, nachdem man vom Interviewtermin wieder in die Redaktion zurückgekehrt war, ein Kollege ganz aufgeregt an: "Ich hab' gerade die Karin Mayr in der U-Bahn gesehen." Anzusprechen hat er sie sich nicht getraut. Dabei hätte sie gar nichts dagegen gehabt, wenn er sich ordentlich benommen hätte.

Drei harte Monate

Im März begann Mayr mit der Vorbereitung auf die Freiluftsaison, deren Höhepunkt die Münchner Europameisterschaft markiert. Drei Monate mit durchschnittlich zehn Trainingseinheiten pro Woche. Sprints über allerlei Distanzen bis maximal 150 Meter, oft zieht sie dabei einen mittels Hüftgurt befestigten Schlitten nach, Startübungen, Krafttraining. Auf der Schmelz oder in der Südstadt. Trainiert wird sie von Walter Hable, einem Mitarbeiter im IMSB (Institut für Medizinische und Sportwissenschaftliche Beratung).

"Der Herbert Prohaska hat mir einmal gesagt, dass kein Fußballer so ein Training aushalten würde", sagt sie nicht ohne Stolz. Stolz ist sie auch auf ihre Rekorde. Schließlich brach sie heuer die uralte 200-m-Bestmarke von Karoline Käfer (23,09/1978) gleich zweimal. Im Juni lief sie beim Europacup in Belgrad 22,82, bei den Meisterschaften Anfang Juli in Linz drückte sie den Rekord auf die aktuellen 22,70. Dort holte sie sich auch die 100-m-Bestmarke (11,23), die seit 1993 Sabine Tröger gehört hatte (11,28).

Das bisher letzte Großereignis, die WM in Edmonton im vergangenen Sommer, verpfuschte sie, hat quasi nur jene Meilen gesammelt, die jetzt in aller Munde sind. "Aber da war das ganze Jahr verpfuscht." In München hat Mayr, die auch Österreichs Sprintstaffel schmückt, vor allem über die lange Sprintdistanz einiges vor. "Das 200-m-Finale", sagt sie, "ist Pflicht, und dann ist alles möglich. Erreiche ich es nicht, wäre ich schon wahnsinnig enttäuscht." In den vergangenen Tagen wurde das Training etwas zurückgeschraubt, sie dienten dazu, die Form, in der sie sich schon befinde, "endgültig rauszukitzeln". Nicht nur auf der Laufbahn, sondern auch auf mentalen Wegen. Mitunter verbringt sie ihre Zeit mit einem Sportpsychologen. "Die beste Form hilft dir nichts, wenn du dich nicht frei machen kannst."

Laut Eigendefinition ist Mayr seit Jänner 2001 Profi. Vorher jobbte die ausgebildete Friseurin aus St. Valentin bei einer Bank in Linz, dann bei einer Hausverwaltung in Wien. Seit heuer wird die 31-Jährige von der Sporthilfe als "Weltklasse" eingestuft, davon, von Sponsor Volksbank und ihrem unterstützenden Freund (läuft 10,69!) kann sie recht gut leben. "Ich hätte mir nie gedacht, dass der Sport einmal mein Beruf wird. Schön so." Prinzipiell übt sie ja schon lange, denn begonnen hat sie mit Mutter-Kind-Turnen. Als Kind. Die wenigsten Leichtathleten sind Großverdiener. Bei der EM in München gibt's keine Prämien. Nur wenn sie was reißt, kann sie ihr Manager Robert Wagner bei den großen und also lukrativen Meetings unterbringen. Für die Linzer Gugl ist sie schon gebucht. Gipfel wäre der Zürcher Letzigrund. (DER STANDARD, Printausgabe, 03/04.08.2002)