Wie ist das, wenn man im Supermarkt die Möglichkeit sieht, bis ans Lebensende frei fliegen zu können? Eine Variation zum Prinzip Bonusmeile - und Paul Thomas Andersons Komödie "Punch-Drunk Love"Schade eigentlich: Das Meisterwerk, von dem jetzt gleich die Rede sein soll, läuft leider noch nicht im Kino, nicht einmal in Amerika. Aber das kommt noch. Punch-Drunk Love , geschrieben und inszeniert von Paul Thomas Anderson (zuletzt bekannt geworden mit Magnolia ), wurde heuer bei den Filmfestspielen in Cannes mit dem Regiepreis ausgezeichnet. In Deutschland wäre diese Komödie vermutlich jetzt schon ein Superhit. Sie handelt unter anderem von Bonusmeilen - auf ziemlich groteske Weise. In den USA (und sicher demnächst auch bei uns) kann es nämlich vorkommen, dass zum Beispiel nicht nur Fluglinien, sondern auch Lebensmittelketten treue Kunden mit zusätzlichem Reise- und Handlungsraum belohnen. Und der Held von Andersons Film, ein Kaufmann mit Hang zu obskuren Waren, macht nun zwischen den Regalen eines Supermarktes, mit einer Packerlsuppe und einer Puddingpackung in Händen, eine geniale Entdeckung: Sie liegt, wie alle genialen Entdeckungen, eigentlich auf der Hand, verdankt sich aber hochkomplizierten Konstellationen, die oft nur von Charakteren durchschaut werden, die selbst sehr kompliziert, ja, neurotisch sind. Das sieht in Punch-Drunk Love so aus: Der Held stellt selbst auf absurdem Terrain akribische Kosten-Nutzen-Rechnungen auf. Zum Beispiel: Wenn, wie eine Lebensmittelkette verspricht, für jedes gekaufte Produkt, also jede Suppe, jeden Pudding, Bonusmeilen vergeben werden, ist dies - wenn man es wirklich auf eine längere Reise anlegt - eigentlich ein Nepp: So viel Pudding kann der Mensch gar nicht essen, dass er damit rund um die Welt kommt. Was aber - und hier steigt über dem Haupt unseres Helden Daniel Düsentriebs Glühbirne der Erleuchtung auf - was aber, wenn die Lebensmittelkette einen Fehler gemacht hat? Sie hat. Bei Pudding-Mehrfachpackungen ist nämlich, wie unser Entdecker feststellt, jede Pudding-Einzelpackung per Strichcode als Einzelprodukt (und nicht als Teil einer Mehrfachpackung) ausgewiesen. Wahnsinn! Das hieße, umgelegt auf österreichische Verhältnisse, zum Beispiel: Sechs Fruchtzwerge würden, obwohl sie im Pack verkauft werden, sechsmal Bonuspunkte und daher sechsmal zusätzliche Meilen bedeuten! Eine wahre Geschichte Wer nun erschöpft aufgeben will, oder über schlechte Hollywood-Witze murrt, der sei eines Härteren belehrt. Punch-Drunk Love ist beim stolpernd komplizierten Nachvollziehen solcher Supermarkt-Sternstunden extrem komisch. Irgendwann einmal türmen sich die Pudding-Paletten vor dem Büro des Protagonisten. Und was der Gipfel der Absurdität ist: Punch-Drunk Love basiert auf einer wahren Geschichte! Nachzulesen war sie in unzähligen Variationen im Internet, und sogar das Time Magazine hat dem US-Universitätsangestellten David Phillips im Jahr 2000 eine große Story gewidmet. Tatsächlich gelang es Phillips, über eine Million Flugmeilen mit einer Investition von lediglich 3000 Dollar zu lukrieren. Den Pudding spendete er an Waisenhäuser und andere soziale Institutionen - womit er die Investition steuerlich besser abschreiben konnte. Die Bonusmeilen wiederum sicherten Phillips in dieser Häufung sämtliche Sondervergünstigungen und Golden Cards amerikanischer Flughäfen. Wenn er ankommt, rollt man den roten Teppich aus - der "Pudding-Guy" zählte eine Zeit lang zu den begehrteren TV-Talkgästen Amerikas. Und de facto war der wahre wirtschaftliche Erfolg für ihn mehr in der Vermarktung seines Coups begründet als im Aufbrauchen von Bonusmeilen. Wer kann das alles wegfliegen - erst recht, wenn er dort, wo er dann ist, ja erst wieder Mehrauslagen hat? Selbst Vielflieger verflögen im Schnitt nur eine von drei gesammelten Meilen, schrieb gestern die S TANDARD -Wirtschaftsredaktion: Dadurch stiegen die Rückstellungen der Airlines. Wunderlich, was in der Welt so läuft, denkt man sich, vielleicht in einem Supermarkt, mit einer Packung Fruchtzwerge in der Hand. Und weil wir das mit den Bonussen super finden, bieten wir heute ganz exklusiv eine S TANDARD - Bonus-Information (mehrere solcher Informationen könnte man auch ausschneiden und sammeln und zusammenkleben, bis man schließlich eine S TANDARD - Bonus-Seite hat): Der Pudding-Guy wird in Punch-Drunk Love von Adam Sandler gespielt - einem der beliebtesten US-Komiker, dessen Spezialität Wutanfälle sind. Er bringt zwar Großmütter und auch jüngere Frauen mit seinem Charme zum Hinschmelzen, kann anderweitig aber so rabiat werden, dass er Restauranttoiletten zertrümmert. Sein bester Film vor Punch-Drunk Love war Happy Gilmore . Er handelte von einem Eishockeyspieler, der Golfchampion wird. Seine Qualität: Wahnsinnsabschlag. Sein Handicap: kommt beim Einputten nur dann zurecht, wenn er sich das Paradies vorstellt. Dorthin gibt es leider keine Bonusmeilen. (DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.8.2002)